Rezension: Deutschland dritter Klasse. Leben in der Unterschicht. Von Julia Friedrichs, Eva Müller und Boris Baumholt

Nach dem Vorwort von Heribert Prantl springt man mit Anlauf ins Klischee: Wir begegnen der Familie Weber. Vater, Mutter, Kind. Eltern ohne vernünftige Schulbildung, dementsprechend arbeitslos und abhängig von Hartz IV. Sie leben im häßlichen, von der Wirtschaft arg gebeutelten Ruhrgebiet. Das kleine Kind wird vor dem TV geparkt, die Eltern rauchen und streiten. Ist das der typische Hartz IV-Empfänger? Gott sei Dank nehmen die Autoren der Familie und ihrem Schicksal dann  doch noch die Klischeehaftigkeit. Vielmehr verfolgen sie die Frage, wie es zum sozialen Abstieg kommt, was vorher mit den Personen, Familien passiert und was für Chancen sie haben. Sie fragen, wie ein Leben in der Unterschicht, die nach der Sozialreform, der Agenda 2010, immer größer wird, aussieht. Welches Selbstverständnis die Vertreter dieser Schicht haben. Die drei Journalisten suchen neben der Familie Weber noch andere „Absteiger“ auf. Kinder, die auf die Förderschule gehen und lernen nach Aldi-Prospekten vernünftig einzukaufen. Kinder ohne Perspektiven. Arbeitslose Akademiker, die den Sprung „zurück“ nicht schaffen. Langzeitarbeitslose und Leiharbeiter, die ebenfalls am Arbeitsmarkt scheitern, kommen ebenso zu Wort, wie diejenigen, die sich aus Angst und mangels Alternativen im Niedriglohnsektor verdingen. Frappierend wird klar, wie unglaublich schwer es ist, aus diesem Leben auszubrechen, es wieder „eine Stufe höher“ zu schaffen. Armut wird vererbt. Eine Erkenntnis, die nicht neu ist, aber unbedingt ins Gedächtnis rücken sollte. Die Kinder an der hier vorgestellten Förderschule werden im Unterrichtsfach „Kiosk“ unterrichtet und lernen, wie man günstig einkauft, damit das Arbeitslosengeld auch für den gesamten Monat reicht. Frustrierender und desillusionierender geht es kaum. Es war ein provokanter Schachzug des Rektors, seine Schule den Hartz IV-Richtlinien entsprechend auszurichten. Eine Bemerkung des Schulleiters verdient meine volle Zustimmung:

Ich glaube, in keinem anderen Land der Welt wird der Wert eines Menschen so sehr an der Arbeit, die er tut, bemessen wie in Deutschland.

Damit man sich als „wertvoller“ Teil der Gesellschaft fühlen darf, steigt die Bereitschaft für einen Hungerlohn zu arbeiten. Dargestellt wird dies hier am Beispiel einer Frau mittleren Alters, die für Senioren Mahlzeiten ausfährt und einen Stundenlohn von 3,50€ bekommt. Vom „staatlich genehmigten Sklavenhandel“ ist die Rede. In diesem Zusammenhang stößt die Reaktion eines Personalverantwortlichen sehr sauer auf, der auf jenes Problem angesprochen formuliert:

Dann müssen sich Mann und Frau zusammenreißen oder sonst irgendwie sehen, wie sie zu Geld kommen.

Eiskalter Zynismus und keinerlei Schuldbewusstsein. Da wird mir ganz anders. Sofort wird unmenschliches Verhalten auf den Markt abgeschoben: „Gehälter regelt der Markt…“ Als wäre der Markt ein abstraktes, von menschlichem Schalten und Walten unabhängiges Gefüge. Es herrscht ein Fatalismus auf beiden Seiden. Der Markt ist halt so, heißt es aus Firmensicht, das ist nun einmal leider so aus Arbeitnehmersicht. Ein Leiharbeiter verdient schlecht und muss mit der Unsicherheit leben, bald wieder aus einem Arbeitsverhältnis entlassen zu werden. Er verrichtet in einer Firma, an die er ausgeliehen ist, dieselbe Arbeit wie die Festangestellten, hat aber viel weniger Rechte und natürlich weniger im Geldbeutel. Das Beispiel eines Facharbeiters, der seit 3 Jahren als Leiharbeiter in einer Firma arbeitet und immer noch keine Festanstellung bekommt, lässt meine Nackenhaare zu Berge steigen. Seine Arbeitskraft wird benötigt. Das schon über erwiesenermaßen lange Zeit, aber er bleibt ein LEIHARBEITER. Solche Praktiken müssen doch gestoppt werden. Diese Ausbeutung ist eine Frechheit. Leiharbeit hat nur Vorteile für Unternehmen und nur Nachteile für den Arbeiter. „Moderne Arbeitsnomaden“ werden sie hier genannt.

Die einzelnen Schicksale zeigen wie fehlerhaft das Hartz IV-System ist und welche Weichen schon vorab gestellt werden müssten. Die personalisierten Beispiele werden mit erhellenden und ergänzenden Statistiken untermauert. Der Redaktionsleiter des WDR, Matthias Wert, findet die richtigen Worte zum Abschluss über die Änderungen auf dem Arbeitsmarkt:

Hartz IV hat nicht nur die Situation der Arbeitslosen verändert, sondern auch den sogenannten Ersten Arbeitsmarkt. Früher war ein normales Arbeitsverhältnis Standard, eine unbefristete, tariflich bezahlte, sozialversicherungspflichtige Vollzeitarbeit.

Die Hartz IV Reformen sind keine Unterstützung zur Wiedereingliederung auf den Arbeitsmarkt. Vielmehr führen sie direkt zur Vererbung von Armut („Hartz IV nimmt die Familien der Arbeitslosen in Sippenhaft“, Matthias Wert), zur Verunsicherung der Leistungsempfänger. Es beschneidet eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und die Pflege von sozialen Kontakten. Ein Leben am und unter dem Existenzminimum ist anstrengend, entmutigend und nimmt jede Perspektive.

Ein gutes Buch, das vielfach wütend macht. Angenehm ist, dass die vorgestellten Schicksale objektiv dargestellt sind. Die Armut nimmt zu und die Diskussionen um einen Mindestlohn dauern und dauern an.

Friedrichs, Julia/ Müller, Eva/ Baumholt, Boris: Deutschland dritter Klasse. Leben in der Unterschicht. 200 Seiten. Hoffmann und Campe 2009.

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