Auf der Jagd nach den gelben Ballonen. Ruhr 2010, Akzente Duisburg, local heroes und free open airs. Jetzt haste Kulturstress, aber Hallo!

Was für eine Wochenende! Der Freitag geht los mit der Eröffnung der Duisburger Akzente. Die spanische Künstlertruppe „La Fura dels Baus“ (katalanisch: das Frettchen der Abgründe)  inszeniert Wagners Rheingold.  Oder inszeniert eine Show inspiriert hiervon und nennt es „Global Rheingold“. Die Theatergruppe hat unter anderem schon olympische Sommerspiele eröffnet. Nach einem Glas Aperol Sprizz und mit viel Vorfreude ziehen wir los. Wir möchten vorne mit dabei sein und stellen uns kurz vor 18h (Beginn: 21:30) auf die Friedrich-Ebert-Brücke im gentrifizierungs-hipster-Stadtteil Ruhrort und warten, dass wir auf den neuen Abstieg dürfen, um auf die Mercatorinsel zu gelangen. Ich erfahre vorab, dass es gar keine Bestuhlung gibt. Schade. Als wir endlich hinab dürfen, werden wir auch gleich gebremst: immer nur 20 Leute auf die Treppe (die aus dickem fettem Beton ist und die zehnfache Menge an Leuten hält, die ist auch schon seit Wochen fertig, also der Beton ist ausgehärtet…). Meuterei, bevor es runter auf den Schotterplatz geht. Obwohl: Schotter? Nee, dicke Steine liegen da und selbst mit einer Decke darüber ist das sitzen oft ungemütlich. Wir machen aber das Beste draus und packen aus: Decke, Brot, Wein, Chips, Käse etc. Die Sonne scheint. Schön. Vor uns links sitzt eine dieser riesigen Figuren, die später im Einsatz seien werden. Ich bin nicht größer als ein Fuß davon. Auf den Steinen um uns herum liegt Glitter. Wir fragen uns wieso (fliegt einem beim Finale auf den Kopf). Ich gehe über das Gelände und sehe, wie sich die Leute aufwärmen, die uns gleich was vorspielen werden: „Team up. One is the Monster, one is the cookie. The monster wants the cookie. Go!“ Dann musste das „Monster“ den „Keks“ essen. Die hatten jede Menge Spaß dabei. Dann heißt es warten. Gegen 21:30h kommt auf einmal Bewegung auf. Jemand zeigt nach links und alle Köpfe drehen sich und erblicken den „Dirigenten“, eingeschnürt und von einem Kran baumelnd. Er hat Flügel und schwebt über der Menge. Das sieht toll aus. Musik ertönt und die Köpfe, die gerade noch dem Flug des Dirigenten folgten, neigen sich weiter nach unten. Dort steht eine Kapelle, die Musik spielt, unter anderem auf Wäscheständern. Dann ziehen andere Akteure an einem Seil und dann fährt das Schiff mit der 9m hohen Figur herein. Man weiß gar nicht, wo man zuerst hinsehen soll, überall passiert etwas. Schön, dass  La Fura dels Baus seine Inszenierung auf Duisburg zugeschnitten hat. Eine der Figuren hieß Gerhard Mercator und seine Angerufene Concordia (Göttin der Eintracht). Sie sprach schön ruhrdeutsch („Wat willze??“). Es war schwierig der Geschichte zu folgen, weil es einfach zu faszinierend war zu sehen, was um einen herum passierte. Die Artisten waren so genial. Außerdem wollte jeder alles zu jeder Minute in einem Foto festhalten. Es war so beeindruckend, dass ich mir gewünscht hätte, die Schau hätte länger gedauert als 75 Minuten. Gerne sähe ich so etwas noch einmal. Nachdem wir uns dann durch das Gedränge nach draußen gekämpft haben, nach der Show, sind wir zur Mühlenweide. Dort spielte gerade eine der Humpeschwestern mit 2Raumwohnung auf. Nicht meine Musik. So sind wir denn weiter durch ein nacht- und kulturaktives Ruhrort spaziert. Zwei Galerien erfreuten mit mehr oder weniger scheußlicher „Kunst“ (Kunst ist, was der Betrachter draus macht…). Da hingen alte Waagen von der Decke oder war eine Glühbirne in eine Kloschüssel installiert. Nun denn. Schön fühlt es sich dennoch an, in einer lauen Nacht durch die Straßen zu schlendern. Mit anderen auf der Suche nach dem nächsten Happening. Fündig wurden wir im ehemaligen Ladenlokal von Karstadt. Die ekligen Bodenfliesen aus den 80er Jahren waren noch da, aber sonst hingen leere Plastikflaschen kopfüber von der Decke. In einer war ein kleines Papierschiff. Das nenne ich mal ’ne Buddel!! Am Freitag Abend war es dann zum Abschluss noch ein Trio aus Gitarrist, Bassist und Schlagzeuger, das uns an ihren Proben für ein Musiktheaterstück teilhaben ließ. Da das erste Stück aber allein zig Minuten dauerte, sind wir mittendrin müde aber erfüllt Heim gegangen.

Der Samstag beginnt mit einem Trip nach Moers. Wir wollen uns die Schachtzeichen ansehen. Von der Halde Rheinpreußen, oben am „Geleucht“ (eine Landmarke in Form einer Grubenlampe) soll man einen guten Blick auf einige der 311 gelben Ballons haben, die die Standorte ehemaliger Zechen markieren. Wir folgen den Angaben des Flyers und steigen in den ausgewiesenen Bus, fragen die Busfahrerin zur Sicherheit aber nochmal. Die hat weder vom Geleucht noch von den Schachtzeichen je etwas gehört. Mit unseren Straßenangaben konnte sie auch nur bedingt etwas anfangen. Wir steigen dennoch ein und dann auf ihren Rat ca. 10 Minuten später wieder aus und stehen verloren auf einer langen Landstraße. Wir müssen dann nach links und sehen, dass der Bus auch nach links fährt. Wieso durften wir nicht länger mit? Hä? Wir laufen dann im schönsten Sonnenschein diese lange Straße lang und entdecken hinter einem Chemiewerk weit in der Ferne einen ersten Ballon. Knips. Knips. Dann latsch latsch. Wir kommen am Geleucht an und sehen: nix. Doch, dann gaaaaaaaaaaanz weit weg, zwei Ballons. Heute ist dafür aber die Grubenlampe geöffnet und man darf in sie hinein und nach oben klettern. Schön. Die Aussicht ist zwar gut, aber der Himmel ein bisschen zu diesig. Ich konnte die Ballons kaum ausmachen. Schade.

Da wir nun schonmal in Moers waren, dachten wir uns, wir fahren dann zum Jazz-Festival, das ja nun nur noch Moers Festival heißt. Wir verpassen natürlich den Bus zurück und legen uns abseits der Landstraße ins grün und warten auf den nächsten. Wir plaudern und flechten Gänseblümchen. In Moers City müssen wir uns erstmal einen Eisbecher gönnen, um uns zu stärken. Am Festivalgelände angekommen bekommen wir natürlich weiteren Hunger, da es dort so viele tolle Stände gibt (Indianisches Essen! Falafelmann! Indisches Essen! Crêpes!). Die wunderbare Mischung aus Sonne, campenden Teens und Alternativos, fernen musikalischen Klängen und trotz Menschenmengen relaxter Atmo, gefällt mir. Da übersehe ich auch die Unmengen Müll und Schmodder, die überall sind. Wir legen uns an den See und erschrecken uns tierisch vor der Punkerin, die ihre Arme voller Buttons und Sicherheitsnadeln hatte. In die Haut gestochen. Autsch. Die Arme waren auch voller mehr oder weniger abgeheilter Wunden. Autsch Autsch Autsch. Wir sind müde und unsere Köpfe sind schon voller Eindrücke. Zurück nach Hause. Da ist aber auch noch die Nacht der offenen Gotteshäuser. Wir gehen in die Duisburger Synagoge. Ich finde, sie sieht von außen aus wie eine Spinne aus Beton. Dazu sehr abweisend. Zuerst finden wir den Eingang nicht und dann treten wir auf den Innenhof, wo uns ein Haufen Überwachungskameras erwartet. Wie gemütlich. Auch innen ist die Synagoge sehr nüchtern. Sie sieht aus wie ein Tagungszentrum. Die Besucher sind sehr wissbegierig und der Rabbi erklärt geduldig. Die männlichen Besucher finden es spannend die Kippa aufzusetzen, um den Gebetsraum zu betreten. Mir fällt auf, dass ich recht wenig über die jüdischen Gebräuche und Rituale weiß. Das sind aber auch eine Menge. Das spinnenartige des Baus soll übrigens die schützende Hand Jesu darstellen (mit seinen 5 Fingern). Wir können viele Dinge schon nicht mehr speichern, weil der Tag lang war und wir schon viele Eindrücke aufgenommen haben. Danach gehen wir noch in die Salvatorkirche und spielen mit Holzügen (da kam dann gleich Unterstützung erwachsener Art angelaufen, um beim Gleisbau zu helfen). Ich wusste nicht, dass es in Kirchen mittlerweile Spielecken gibt. Die Kirche ist dunkel und kalt aber alt und verziert. Ein schöner Gegensatz zum nüchternen Synagogen-Neubau. Danach haben wir keine Lust mehr. Obwohl, Lust eigentlich schon, aber mehr ging an diesem Tag nicht. Schade, dass die Gotteshäuser ausgerechnet an Pfingsten geöffnet hatten. Alles ist an Pfingsten. Man weiß gar nicht wohin. Und 4 Stunden sind auch eindeutig zu kurz für diese schöne Idee. Gerade wenn man mit dem ÖPNV unterwegs ist. Da braucht man ewig, um von Nord nach Süd zu kommen. Schlecht ausgeschildert war es zudem.

Sonntag geht es wieder auf die Suche nach den Ballons. Nicht immer ganz einfach zu finden. Außerdem bin ich noch ziemlich müde. Am Abend ist Wolfgang Trepper im Hundertmeister. Diesmal hat er zwei Comedians dabei (Ich hasse das Wort und eigentlich auch die Profession…). Ich grusele mich ein bisschen vorab und Don Clarke bringt mich dennoch ziemlich zum Lachen. Mehr als sein Nachfolger Dave Davis als McDonald’s Toilettenmann Motombo. Eigentlich gute Inhalte, könnte man bissig und gallig was draus machen. Ich fand’s aber oftmals öde und platt. Schade. Wolfgang Trepper entlässt uns mit einer nachdenklichen Geschichte über verpatzte Träume und Erinnerungen an Werte, Ideale und Ansprüche, die man als Kind/ Jugendlicher an sein Zukunfts-Ich stellte. Wieviel davon hat man bis dato umgesetzt oder verworfen? Ich für meinen Teil möchte am Ende meines Lebens einfach wissen, dass ich Menschen nie absichtlich geschadet habe. Ich will einfach kein Arsch sein! Ein schöner Abend und ein nettes Programm.

Pfingstmontag und es geht nach Essen. Zum Open Air nach Werden. Gott, ist das voll. Schieb schieb hinein in die Masse. Security winkt mich durch und will meine Tasche gar nicht ertasten. Was ich da alles hätte hineinschmuggeln können. Von Schnaps und sonstigen Drogen bis zum Morgenstern alles. Werden ist voll schön. Grün. Die Ruhr nebenbei. Es sind Fantastillarden von jungen Menschen vor Ort, die bei bestem Wetter auf die Gratismucke warten. Wir pflanzen uns vor die Rockstage und hören irgendeinem Singer/Songwriter zu. Das war ganz nett. Dann sind wir im Strom der Massen zur Electrobühne geschwommen und haben dem Wumms!Wumms!Wumms! -Beat des DJs kurz aber andächtig gelauscht, um zu entscheiden, das wir an den Ständen entlangbummeln und dann das Areal verlassen wollen. Wir verlieben uns in die „Pottsau“-Postkarten mit Zechenlogo, das alte DAF-Tourposter und kreischen bei der Entdeckung einer Knight Rider Hörspielkassette. Wir sind platt. Biere sind getrunken, Knabbereulen gegessen, Sonnenrötungen eingeholt. Wir gehen. Aber wir bummeln noch durch Werden und mögen es sehr gerne. Es ist kurz vor zehn als uns im Auto einfällt, dass heute die Schachtzeichen beleuchtet sind. Aber wir sind müde und nehmen uns fest vor, nächsten Samstag die balloons at night zu sehen. Ein schönes pickepackevolles Wochenende, von denen gerne mehr folgen dürfen. Ich finde gerade auch die Ruhr2010-Sachen richtig toll. Ich freue mich schon sehr auf den Sing-Day und die gesperrte Autobahn. Jahoooo!

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