First we take Oslo, dann Südafrika. Von Lena, Menschenmassen und onanierenden Bahnfahrern

Wo gucken wir das denn? Was für eine Suche nach einem Hotspot in Essen, um sich den Eurovision Song Contest in gemütlicher Runde anzusehen. Rudelgucken. Da entdecken wir in den Weiten des WWW eine Kneipe und machen uns auf den Weg, laufen allerdings erstmal schön dran vorbei, weil die Pinte von außen dolle nach „alter-Oppa-Kneipe“ aussieht. Wir juckeln weiter zum Irish Pub, aber da läuft Fußball. Wir stolpern über einen Junggesellinnenabschied und sind froh den Quatsch hinter uns zu lassen. Die zukünftige Braut mit dem nervigen und obligatorischem Bauchladen trägt ein T-Shirt, auf dem vorne Brad Pitt abgebildet ist und hinten ein Bild des Göttergatten to be. Ein tätowierter Schrank mit Türsteherfresse. Örgs. Mein Beileid. Peinlich, dass sie jetzt auch noch Kondome und Schnäpse verkaufen muss. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde. Wir jedenfalls sind froh, da weg zu kommen und gehen zurück zur ersten Location, da die Zeit langsam auch drängelt. Drinnen ist es gar nicht so schlimm, nur ist der TV nicht der größte und auch nicht der lauteste. Das mörder Nena-Interview können wir nicht hören. Oooooh. Man muss auch mal Glück haben im Leben. Der Wirt rödelt: „Letztes Jahr waren hier 4 Leute und heute berstet die Hütte!!“ Er hat kein Knabberzeug und kein Kabel, um den TV mit den Boxen zu verbinden. Die Kundschaft hilft sich selbst und so flitzt ein Jüngling los und bringt nach 20 Minuten das ersehnte Kabel und wir können ab dem belgischen Beitrag alles in vernünftiger Lautstärke hören. Gott sei Dank. Schönes Lied. Der ESC ist ja so eine Sache. Ein Lästerfest seit Kindertagen. Die Weißrussen und ihre Kitschflügel („…’cause we’re like Butterflies…“) sorgen für Schenkelklopfer und Lachattacken. Ebenso wie der russische Beitrag, den ich an sich gar nicht sooooo übel finde, aber, wenn der Sänger das Madonnenbild zückt, brechen alle Dämme. Ist das schlecht! Die türkische Show der Manga-Gang findet bei uns jetzt nicht so den Anklang wie beim Rest Europas, ebensowenig wie der griechische (übrigens, als die Griechen auftreten, schreit einer aus dem Hintergrund: „Ohne uns könnten die Griechen ja gar nicht senden!!!“). Der arme Spanier Daniel Diges wird von einem Mützen-Joe gestört, lässt sich aber nichts anmerken. Irgendwie eine lustige Aktion, auch wenn es mir für den Sänger leid tut. Immerhin darf er nochmal.

http://www.youtube.com/watch?v=CGXDFiqan2c

Die Punktevergabe ist immer das spannendste und so sitzen wir nach gefühlten 18 Stunden Beschallung ermattet aber angespannt auf unseren Stühlen und freuen uns Etappe für Etappe mehr, dass Lena so viel Punkte bekommt. Wir fanden ihren Auftritt gut, da es so aussah, als hätte sie wirklich Spaß. So soll das sein. Pathos hick, Pathos hack. Leichtigkeit ist anziehend! Bezaubernd. Punktvergabe aus Germany. Toll. Hape zeigt wieder sein Sprachentalent und grüßt die Moderatorin in der Landessprache. Die Dame ist schlagfertig wie ein ausgetretener Hausschuh, die hat NIE reagiert. Wunderbar, wie Kerkeling auf die Fans in Hamburg reagierte, die lautstark das „oh-oh-oh-oh-oh-ooooh-oh“ (Seven Nation Army) skandierten. Hihihi.

http://www.youtube.com/watch?v=hKWQh4ykfkI

Lena wird vom schnuckeligen blonden Moderator in einer kleinen Zwischenpause gefragt, wie sie sich denn fühle und sie sagt natürlich, dass alles voll „awesome“ ist und dass sie uns alle hearted. Sie formt ihre Hände zu einem Herz. Wie schön, dass der lettische Punktevergeber das aufnimmt und beichtet: „Lena, I heart you, too!“ Schöööön. Bei jedem Punkt für Germany über 8 Points rasten die Gäste in der Hütte aus. Ein Hahaha-Moment als ein Jurymitglied jede Menge Points für Ge…..orgia vergibt. Überall erst Jubelgeschrei und dann Entäuschung. Aber Gelächter. Lena, bekommt von, ich glaube, 36 von 39 Ländern Punkte. Geht nur 3 Mal komplett leer aus. Wir freuen uns, dass sie gewinnt. Freuen uns auch für Stefan Raab, der es kaum fassen konnte. Ich hatte schon angst, er wird zum neuen Ralf Siegel und verbeißt sich so in das Ziel, den ESC zu gewinnen, dass er die Gelassenheit und so auch die Qualität aus den Augen verliert. Aber: er selbst, Max Mutzke und Lena – das waren alles gute Auftritte. Lena gewinnt und fragt „Muss ich jetzt nochmal singen??? Ich habe aber nicht die Kraft den Preis die ganze Zeit zu halten!“ Dann trällert sie das Siegerlied nochmal und verteilt Küsschen an Herrn Rybak, den letztjährigen Gewinner, der sich sehr für sie freut. Wie schön. Als sie ihr Lied beendet hat, bedankt sie sich nochmal artig und labert dann einfach mal weiter, weil sie gar nicht weiß, wo sie hin soll und was sie machen soll. Die ARD blendet da mal netterweise aus. Das war schon alles sehr schön. Kinners, nach 28 Jahren. Jetzt geht hier ein Ruck durch das von miesen Nachrichten gebeutelte Land und sofort wird nach vorne geschaut und der Siegeswillen baut sich wieder auf. Erst Oslo, dann Südafrika! Vielleicht geben wir die WM ja doch noch nicht vorab verloren.

Von der Freude über Lenas Sieg ein wenig aufgepuscht, beeilen wir uns. Wir haben noch eine halbe Stunde, um auf das Essener Rathaus zu kommen. Heute sind die Schachtzeichen ein letztes Mal beleuchtet und wir wollen uns das von der 22. Etage ansehen. Draußen regnet es. Bläääärgs. Schnell, schnell. Im Rathaus sind schon einige Menschen, aber ein großer Andrang besteht, scheint’s, nicht. Wir steigen in den Aufzug und oben, erwartet uns eine laaaange Schlange an Menschen, die gerade wieder runter wollen. IGITT! Ich hasse Menschenmengen. Die Aussicht: doll. Von den Ballons allerdings keine Spur. Es ist diesig und es regnet, die sind eingeholt worden. Na super. Gehen die bei Regen kaputt, oder was? Naja. Ich will nicht mit dem vollgepfropften Lift runter, ich will die Treppe nehmen. Die ist nicht freigegeben, da kein Sicherheitspersonal zum Aufpassen da ist. Dann halt Schlange stehen, im Aufzug die Augen schließen und ruhig atmen, dann schnell raus. Uuaaah, hat sich ja gelohnt. Pffft. Am Hbf stellen wir fest: mein Zug kommt erst in 45 Minuten. Ich bin müde, rieche total nach Zigarettenqualm, habe etwas Kopfschmerzen und wir müssen endlos lange die einzige warme Sitzgelegenheit nutzen: bei McDonald’s, wo es auch immer so gut duftet. Nun denn. Dann hat mein Zug auch noch Verspätung und wir stellen fest, dass zwischendurch auch eine S-Bahn gekommen wäre, die aber auf der Anzeigetafel einfach mal unterschlagen wurde. Doooooooooooooooof! Mein Zug kommt, ich verabschiede mich und mit mir steigen drei bierselige Jungs ein, die folgenden schönen Dialog führen:

Erster: Hier riecht’s nach Scheiße!

Zweiter: Wo liegt Scheiße?

Dritter: Wer ist scheiße?

Erster: Scheiße, ey!

Wunderbar. Sie setzen sich ins obere Abteil, ich ins untere. Mit mir sitzen noch 2 Frauen hier. Oben beginnt eine Frau zu stöhnen. Fake-Orgasm-Contest in der Bahn. Na bitte. Ein junger, schmieriger Typ läuft durchs untere Abteil, während oben die Luzie abgeht. Er sucht meinen Blick, hat eine Hand in der Hosentasche, die andere fährt sich über den Mund. Ich schaue aus dem Fenster. Er setzt sich mir schräg gegenüber im Dreiersitz. Ich spüre wie er meinen Blick sucht und starrt. Im Fenster sehe ich, wie er beginnt in seiner Hosentasche an sich rumzuspielen. „Na super“, sage ich gereizt und laut und setze mich weg. Was soll sowas? Ich dreeeeh dursch!! W I D E R L I C H !!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Für die WM suche ich am besten jetzt schon mal eine gute Glotzmöglichkeit. Ohne Bahnfahrmüsserei. Dennoch: schön, dass Lena gewonnen hat. Das hat mir gefallen und rückt den anderen Mist des Abends an den Rand. Merci, cherie, dafür.

PS Schade, für Israel. Ich fand das Lied wirklich ganz fein.

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