Theater Berlin spielt Tschechows „Die Möwe“ in Duisburg

Ganz großes Theater in Duisburg. Das Deutsche Theater Berlin. Wir entscheiden uns spontan, das Gastspiel anzugucken. „Karten für heute Abend?? Ausverkauft!! Für morgen? Zwei habe ich noch. Parkett Loge. Dritte Reihe.“ Jajajaja, her damit. Lange her, dass ich im Theater war. Wo war das noch? Achja, Theater an der Ruhr in Mülheim. So ein schönes Haus! Tennessee Williams war es, glaube ich. „Treppe nach oben“ hieß es. Das war ok. Sonst läuft man bei den Mülheimern immer Gefahr, das einem das Hirn aus den Ohren wegrennt so absurd ist das. Nie werde ich vergessen, wie bei „Antigone“ zwei Schauspieler auf der kahlen Bühne im Schneidersitz saßen und sich minutenlang in die Hände klatschten und hysterisch lachten. Oder bei „Im Dickicht der Städte“, als der Schauspieler sich die Kleider vom Leib riss, und vor der ersten Reihe herumschwengelte und schrie „Ich bin ein Tier!! Ich bin ein Tiiiiier!!!“ Ich habe also einen Hauch von Absurditätsfurcht an jenem Duisburger Theaterabend. Unbegründet. Was uns dort geboten wurde, war allererste Sahne. Der Saal ist proppenvoll und die Lichter gehen aus. Ich warte, dass es losgeht. Dann ärgere ich mich über die Nachzügler da vorne rechts, aber dass ist das komplette Ensemble, dass dort seinen Auf- und Abgang hat. Ooops.

Schön verwackelte Aufnahme aus dem Zuschauerraum zu Beginn des Stückes.

Die Darsteller sind alle auf der Bühne. Wer dran ist spielt, die anderen schauen zu. Ich hatte keine Ahnung, wer an diesem Abend mitwirkt und war um so überraschter von einer grandiosen Corinna Harfouch als Schauspieldiva Arkadina. Im TV oder auf der Leinwand gehört sie eigentlich nicht zu meinen Lieblingen . Mann, ist die abgegangen. Wie sie auf ihren Sohn Konstantin reagiert, der sie einerseits als Muse sieht, sie liebt, aber andererseits sich von ihr lösen will, alles im Theater erneuern will. Genial! Liebeswirrwarr, verlorene Träume, Frage nach Kunst und das Leiden an alledem in der Alltäglichkeit des Lebens – 115 Jahre hat Tschechows Stück auf dem Buckel, doch funktioniert all das auch heute noch. Wie sich die Charaktere gegenseitig piesacken ist eine Freude anzusehen. Jeder ist mal hart, mal zart. Mal tiefgründig, mal lächerlich in seinen Gefühlen und Ambitionen. Die Darsteller sind durch die Bank klasse. Das Bühnenbild (große nach vorn an die Zuschauer herangerückte graue Wand) ist einfach und klar. Nichts lenkt ab. Keine Illusionen. Dreieinhalb Stunden dauert die Inszenierung. 210 Minuten, die ich nicht habe so schnell verfliegen sehen. Der Schluss ist ein eingefrorenes Standbild mit der Nachricht über Konstantins Tod. Das Bild wirkt einige Sekunden auf die Zuschauer, bevor sich der Applaus Bann bricht. Chapeau!

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