Der Wirbelwind der BRD hat sich verabschiedet. Mach’s gut Christoph Schlingensief und danke für den ganzen Freakkram!

Vor geraumer Zeit stolperte ich bei 3sat über die Schlingensief-Inszenierung „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“. Es war sperrig. Es war merkwürdig. Es hat mich angestrengt. Es hat mich verwirrt. Es hat mich abgestoßen. Es hat mich angezogen. Es hat mich fasziniert. Wie Schlingensief immer auf mich gewirkt hat. Da war immer so wahnsinnig viel! Heute morgen las ich, er ist dem Lungenkrebs erlegen. Er hat so gekämpft. Diese Krankheit ist so eine riesengroße blöde Scheiße!! Ich ziehe meinen Hut vor ihm, vor seinem Schaffen und gerade auch vor seinem Umgang mit der fiesen kräftezehrenden Krankheit, die so gegen ihn angearbeitet hat und die er zum Teil seines (künstlerischen) Lebens gemacht hat. Empfehlenswerter Fernsehtipp:

http://www.youtube.com/watch?v=HWVbTcfbwgI

Deutsches Kettensägenmassaker

Meine erste Berührung mit Schlingensief war zu Schulzeiten, als jemand das Deutsche Kettensägenmassaker für gut befand und die Videokassette in der Klasse in Umlauf brachte. Ich habe mir den Film nie komplett angeschaut. Ich fand den strunzbescheuert und bekloppt. Ich war wohl einfach zu jung. Vielleicht hole ich das einmal nach, die politische Dimension (Mauerfall, Wiedervereinigung…) ist in den wenigen Minuten, die ich sah, auch komplett an mir vorbei gerauscht.

http://www.youtube.com/watch?v=OM8ZevwUf2A

Talk und Chance 2000

Frisch an der Uni begeisterte der Talk 2000 meine Kommilitonen und mich. War das herrlich. Das war laut und anarchisch. Das war Pöbelei und Klamauk. Ich fand das super! Immer diese Tour de Force. Groß! Eine fiese Parodie auf den ganzen Labershow-Kram im TV. Diese ganze Betroffenheitsheuchelei: entlarvt. Schlingensief hatte ein Herz für die am Rande und so durfte man am Ende der Talkshow immer Trostworte für die Arbeitlosen hören. Mensch, das war was. 🙂

http://www.youtube.com/watch?v=pgOqRvp8dOM

Ich war in Schlingensief fast verliebt. Vor allem in sein wirres Haar! Ich hätte fast auch die Chance 2000 gewählt. Als er mithilfe der Partei und allen Arbeitslosen das Haus von Kanzler Kohl fluten wollte…Wie wunderbar das immer war, wenn er die Republik ins Chaos seiner (klugen und durchdachten) Gedanken stürzte. Das wird fehlen!

Freakstars und U 3000

Fernsehen, Fernsehen, Fernsehen. Alles machen wir im TV. Wir machen uns körperlich und seelisch nackig im Fernsehen. Weil das Fernsehen so toll ist. Weil wir alle total super sind und Stars sind, wenn wir unsere Fressen in die Glotze gehalten haben und aus ihr herausstrahlen. Wir? Schlingensief hat mal wieder aufgepasst und denen ein Forum gegeben, die sonst nicht das gesellschaftliche „Wir“ darstellen. Die Freakstars! Menschen mit „Handicap“, mit geistigen oder körperlichen Behinderungen. Und da geht die Post ab, wenn die Freakstars Formate, angelehnt an „Popstars“ und Ähnlichem, mit echtem Leben füllen. Keine falsche Betroffenheit (die armen Leute…), sondern Menschlichkeit. Man darf über sie auch mal Witze machen. Eine Wohltat.

http://www.youtube.com/watch?v=1UjRSztZsl4

Auf MTV kam dann der U-Bahn-Talk U3000, der an seine Talk- und Freakshows anknüpfte. Hier regierte der komplette Wahnsinn und prominente Gäste taumelten in dieser bizarren Welt des Untergrunds umher.

http://www.youtube.com/watch?v=-iU4H_ihIIA

Schlingensief- für mich ein wirrer Genialkopf aus dem Ruhrgebiet, der Spaß hatte, das Absurde zu zeigen, es uns vorzuhalten. Der das Chaos innehatte und über uns brachte. Aber nie ohne Hintergedanken. Er war nervig und unterhaltsam. Er war Provokation und hatte Stimme. Die ist jetzt weg. Ich habe nicht wirklich viel von seinem Werk verfolgt, es ist auch so umfassend. Ich habe aber immer gern von ihm gehört.

Der Nachruf vom Spiegel bietet ein klareres Bild als mein subjektiver Eindruck. Mach’s gut Christoph, schön dass du da warst!

7 Gedanken zu “Der Wirbelwind der BRD hat sich verabschiedet. Mach’s gut Christoph Schlingensief und danke für den ganzen Freakkram!

  1. Und wieder hat ein Grosser dieses Landes den Kampf gegen den Krebs verloren. Auf jeden Fall wird das Werk und das Wirken von Schlingensief noch weit über seinen Tot hinaus wirken. Schlingensief, der ja Autodidakt war, zeigt uns auch, wie weit man es bringen kann, wenn man sich selbst motiviert. Wir werden noch lange an ihn denken.

    Siegfried Anton Paul

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