Gefangen in den Worten Gary Barlows – Eine Fahrt mit dem Melez-Zug

Melez- das ist türkisch und bedeutet so viel wie Mischling oder, im Sinne von Ruhr2010, Vielfalt. Im Ruhrgebiet ist es der Name für das Festival der Kulturen. Im Zuge dessen (hahaha, wie passend) fährt eine S-Bahn als Kulturexpress durch den Pott. Auf unserer Fahrt wird ein Liebeslied entstehen, denn wir fahren mit dem Liebesexpress. Dem zweiten, um genau zu sein. Die erste Fahrt hatte ein schnulziges Liebeslied zur Folge, unseres wird ein „hartes“ Liedlein sein.

Berlin liegt nicht im Ruhrpott

Das Melez-Festival gibt es schon länger, wie ich am Bahnsteig lerne. Ein Volunteer erklärt geduldig einem Besucher, der sich mokiert, dass für die ganzen Ruhr2010-Veranstaltungen viel zu wenig Werbung gemacht wurde: „Das ist ja bei fast allem bei den Ruhr2010-Veranstaltungen so, die Sachen gibt es schon länger, nur in diesem Jahr werden sie in den Vordergrund , ins Licht geholt.“ Stimmt, antwortet der Mann und fügt hinzu: „Ach, wir hier sind auch zu bescheiden, was das Ganze angeht. Wir sind halt nicht Berlin, aber wir haben trotzdem viel zu bieten.“ Hat er recht. Was der blöde Vergleich mit Berlin immer soll?!

Der Melez-Zug bittet zum einsteigen

Herzchengirlanden, Orientteppiche und die Teeküche im Gang – der Melez-Zug

Wir waren recht früh da, da wir im Internet keine Karte gekauft haben und laut Angabe dann eine Stunde vor Abfahrt am Gleis das Ticket gekauft werden soll. Die Ruhr2010-Dame mit dem Bauchladen war schon ein wenig im Stress, hat uns aber zügig und freundlich bedient. Die schön lackierte blau-goldene S-Bahn fährt ein, während eine kleine Drei-Mann-Kapelle musikalisch am Bahnsteig unterhält. Wir steigen in den Salon. Es liegen orientalische Teppiche aus und auch die Sitze wurden mit Brücken geschmückt. Tücher verdecken die fiesen Neonlichter an der Decke und auf der kleinen Ablage über dem Abfallfach sind Lampen installiert worden. Ich knipse eine an und freue mich, dass sie leuchtet. Heimelig in der S-Bahn, die mich jahrelang nach Essen geschaukelt hat, während des Studiums. Sonst eher klätschbraun und blähorange bestimmen heute auch erdige, aber angenehme Farbtöne das Bild. Wir setzen uns hin und schauen uns um. Links steht ein Klavier, darauf klimpert ein perückter Jüngling. Ein anderer Perücken-Fan singt dazu. Kopfstimme sagt Hallo. Ein bisschen freakisch das Ganze. Wir stehen auf und gehen in den ersten Wagen, den Bühnenwagen. Zwischen den Waggons ist eine winzige Kaffeküche, das Personal tut mir jetzt schon leid. Der Bühnenwagen hat auch blaue Verzierungen an Wand und Sitzen verpasst bekommen. Instrumente sind aufgebaut und das technische Equipment. Hier wird es später losgehen. Wir kehren erst nochmal um und gehen in den weißen Salon, wo das Musikvideo entstehen wird. Hier war mal alles weiß, bevor der Mob getobt hat. Nun sind Wände und Sitze mit Botschaften in schriftlicher und bildlicher Form zu sehen. Herzchen-Schmuck, wo man nur hinschaut. Die Irrenanstalt der Lovebirds. Eins weiter ist der Medienwagen, wo der Schnitt erfolgen wird, da darf man während der Fahrt nicht hinein.

Liebe im Schacht

Der Bühnen-Waggon
Salon
Der weiße Salon
Das Medien-Abteil

Es wird voller und wir gehen in den Bühnenwagen, wo mehr oder weniger demokratisch über das zu covernde Liebeslied abgestimmt wird. Detlev Bug moderiert in Kooperation mit einem kleinen agilen Typen, der Jerry heißt. Zur Auswahl stehen Roxette mit „It must have been love “ (meine Wahl), Lional Richie mit „Hello“ und Take That mit „Back for good“. Nach meiner Überschrift zu urteilen, ist der Sieger keine Überraschung, obwohl ich immer noch der Meinung bin, dass die beiden anderen Songs, jeweils mehr in die Höhe gestreckte Hände als Voting bekamen. Whatever. Nachdem das beschlossen war, hechtet man rüber in den Salon, um zu texten. Blätter und Stifte werden verteilt und innerhalb von 35 Minuten müssen drei Strophen und der Refrain zu Worte gebracht werden. Jerry fordert dazu auf, dass es klingen müsse wie „Biohazard mit Liebe“. Da es textlich darum geht, dass irgendwer von irgendwem irgendwo in einen 30 Meter tiefen Schacht geschubst wird, ist der Songtitel schnell gefunden: „Liebe im Schacht“. All das geht recht fix, das dadaistische Liedgut wird dann schnell (ich fühle mich total gestresst) in den Bühnenwagen, um eingesungen zu werden. Dann alle Mann wieder husch husch umdrehen und in den weißen Salon gestürmt, ein Video muss her. Argh, hin, her, wo, wie wer, was? Und im Hintergrund läuft „back for good in Guantanamo-Dauerschleife. Wenn auch in  verschiedenen Interpretationen. Ändert aber nichts. Kopp anne Wand hauen, möchte man sich nach 2,5 Stunden des immer gleichen Geträllers. „I guess now it’s time for me to give up…“

Konzert-Finale im Melez-Liebesexpress

Alles wird rechtzeitig fertig. Zum Konzert sind wir alle wieder im Bühnenwagen und lauschen den gar entsetzlichen Klängen dieses Experiments. Es klingt wirklich scheiße und es hat Spaß gemacht, daran mitzuwirken. Es gibt ordentlich Applaus für das Ergebnis während wir in den Essener Hauptbahnhof einfahren und sofort gibt es die Zugabe. Uaaaah! 🙂 Abgefahrener Trip, der Laune und Kopfschmerzen zugleich verursacht hat.

http://www.youtube.com/watch?v=18dyyXAZEIc

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