RUHR.2010. Das Finale. Th..th..that’s all folks?

Mann, war dat kalt. So kalt, dass ich mir den „feierlichen Ausklang“ nach der Abschlusssause in Gelsenkirchen geschenkt habe. Meine Zehen standen da schon kurz vor der Amputation. Ich muss mir Wärmeeinlegesohlen kaufen. Memo an mich. Aber schön war’s doch. Im Nordsternpark an der Zeche. Wo jetzt der kackhässliche Herkules von Markus Lüppertz prangt. Ist wohl irgendwie Kunst, glaub‘ ich. Hat ja auch blaue Haare. Trotz Schneechaos und militanten Weihnachtsshoppern auf dem Weg in das unsägliche Centro Oberhausen, schaffen wir es pünktlich in Gelsenkirchen anzukommen.

Hübsch häßlich: Herkules
Hübsch häßlich: Herkules

Es kommt ein Schiff…

…geladen mit einer imposanten Rückschau. Das Leitmotiv des RUHR.2010 Finales ist ein Schiff, das durch die Metropolen fährt und an den „Zukunftsorten“ Halt macht (Dortmunder U, Duisburger Küppersmühle, Essen Sanaa Gebäude). Die Zeche Nordstern ist mit Leinwänden versehen. Auf dreien von ihnen, die unten angebracht sind, wird das Triebwerk und der Bug projeziert. Eine weitere Leinwand oben zeigt Impressionen aus dem Kulturhauptstadtjahr und Livebilder von den Akteuren auf dem Zechenturm und aus den anderen Städten. Zwei Lichterketten umspannen den Förderturm und die Nebengebäude. Auf der MS Deutschland sah es nicht schöner aus. Die Fenster sind zu Bullaugen präpariert. Als Schattenrisse sind dahinter die Musiker zu sehen. Nee, wat schön. Bevor die Show losgeht stapfen wir durch den Schnee und knipsen mal wieder, was vor die Linse kommt. Die Schachtzeichen sind auch wieder da. Plötzlich erklingt Grönemeyers „Komm zur Ruhr“ und wir suchen den Weg zurück an die Zechenleinwand und kurze Zeit später geht es auch schon los.

Zeche Nordstern wurde zur Ruhrtopia
Zeche Nordstern wurde zur Ruhrtopia

Wandel, Wandel, Wandel, Wandel, Wandel

Eine Rede folgt der anderen. Fritz Pleitgen, Hannelore Kraft, Reinhard Paß…und alle sagen sie das gleiche. Immer wieder sprechen sie vom Wandel der Region. Eine Begleitperson fühlt sich an Loriot und „Papa ante Portas“ erinnert „Frau Kleinert? Wo waren wir stehen geblieben?“ -„Handeln, dein Handeln…“ Sorry, Filmfreak. Wandel, der Wandel. Man kann ein Wort wirklich auszehren. Immerhin haben sie den fiesen Präfix „Struktur“ weggelassen. Alle sind sich einig: das Jahr war toll, die Leute begeistert, die Projekte super und eine Weiterführung angeplant. Soso. Man wird sehen. 2011, das Jahr in dem die Kultur noch mehr sparen muss als sonst. Ich bin gespannt.

Kraft, Pleitgen, Paß, Baranowski
Kraft, Pleitgen, Paß, Baranowski

Alle Mann an Bord!

Dann entern die Akteure das Schiff. Unter lauter und drangvoller Musik nehmen sie ihre Plätze ein. Ein Klavier schwebt empor und zur Stummfilmmusik sehen wir Christoph Maria Herbst, der uns zeigt, wie das abging bei der Bewerbung zur Kulturhauptstadt.

Christoph Maria Herbst wartet auf die Ernennung zur Kulturhauptstadt
Christoph Maria Herbst wartet auf die Ernennung zur Kulturhauptstadt

Mit wachsender Hoffnung und Begeisterung wachsen die Sektpullen. Dann gehen alle Mann an Board. Unter musikalischer Begleitung werden Bilder eingeblendet von der Eröffnungsfeier und ich werde melancholisch. Hach, hach. Schön fing es ja schon an. Es gibt eine Rückschau auf die vielen Projekte. Auf die Schachtzeichen, auf den !Sing Day of Song, an das Still-Leben auf der A40, auf die Urabantix, auf das Melez-Festival der Kulturen, die vielen Ausstellungen, auf das 2-3 Straßen-Projekt, die Local Heroes, auf die Route der Wohnkultur und und und… Gerade beim !Sing Day of Song jagt die Gänsehaut über meinen Körper. Das war aber auch toll. Als Theo Bleckmann mit seinem Gesang an diesen super Tag erinnerte, hat mich das schon ergriffen. Er sang solo, aber mehrstimmig! Wie? Anschauen (siehe WDR-Link unten). Eine Schweigeminute für die Opfer der Loveparade wurde stimmig mit ins Programm aufgenommen, bevor es nach einem weiteren Rückschaublock weiter geht mit den Schalten nach Dortmund, Duisburg und Essen.

Dortmunds Dadaismus

Die Schalte nach Dormund hat den Sänger Paul Wallfisch auf der Leinwand zur Folge, der sich oftmals den klischeeigsten Popstarposen hingibt (immer eine Hand nehmen, da das ganze Gefühl reinlegen und ausholen und wieder zum Herz führen). Er singt sich durchs Dortmunder U und wird abgelöst durch einen Chor, der uns mitunter Wortfetzen entgegenschmeißt: „Gedrängel, Geschubse, Geschäfte, Geschäfte, Geschäfte!“ Dann brüllen Sie: „Hören Sie uns?“ Ja, laut und deutlich, leider. Bizarr mit einem Hauch Dada reloaded. Dann kommt der Sänger wieder, befellmützt und singt eine schnelle Nummer am Klavier. OK, Danke Dortmund.

Essens Tanztraum

Das Programm hat mir am besten Gefallen, von den drei Schalten, die ich gesehen habe. Der Tänzer Dennis Untila vom Aalto Ballett Theater tanzt durch Zollverein und das Sanaa. Im Hintergrund läuft ein Chanson. Ah, oui. Cela me plaît beaucoup. Toll, toll, toll. Ich war hin und weg. Danach gab es eine Freestyle-/ Breakdance-Performance. Uaah, einer der agilen Jungs hatte nur ein T-Shirt an und während er lange Zeit nur auf einer Hand umherhüpfte, rutschte das auch noch nach unten. Bibber, Frier. Zum Schluss gab es dann noch eine Lichtshow auf dem Kubus.

Duisburgs Besinnlichkeit

In Duisburg wurde es besinnlich. Ein Blechbläser auf der Küppersmühle spielt auf und wir sehen Duisburg by night. Ich fühlte mich so an den Film „Absolute Giganten“ erinnert. Das ist perfekte „Einsam-nachts-mit-dem-Auto-ziellos-umherfahr-Schwelg-Musik“. Christian Brückner las aus Homers Illias und zwei Kinder trugen Lichter um den Innenhafen. Sehr ruhig, aber mit stimmungsvollen Bildern.

Drei ganz unterschiedliche Bespielungen der Zukunftsorte. Allein deswegen hat es mir gefallen. Es war ein tolles Jahr mit wahnsinnig vielen Projekten. Auch viele kleine. Es wurde oft der Vorwurf laut, RUHR.2010 sei nur auf große Mega-Events bedacht gewesen. Wenn ich an den interessanten Newsletter denke, der einen immer mit den Wochentipps beglückte, sehe ich das anders. Das würde ich mir weiterhin wünschen. Einen derartigen städteübergreifenden Kulturverteiler. Das soll ja mit der Kultur Ruhr GmbH geschehen. Auch hier heißt es abwarten. Es war ein spannendes Jahr, das mich persönlich dazu gebracht hat, meine Heimat teilweise neu zu entdecken!

Das war 2010, aber: Quo vadis 2011?
Das war 2010, aber: Quo vadis 2011?

Die Abschluss-Schau ist in der Mediathek des WDR zu bestaunen (wie lange bleiben die Videos dort? Eine Woche? Also, nicht mosern, wenn der Link nicht mehr funzt.)

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