Ein Streifzug durch Bruckhausen

Sonntag, lang geschlafen, ein ruhiger Tag. Ich mache das Rollo hoch und sehe: blauen Himmel. Hey, das muss man doch ausnutzen. Die Kamera geschnappt und hinaus!! Nur: Wohin? Nach Bruckhausen, noch fotografieren, was da ist, bevor es weg ist.

Der Grüngürtel

Die Stadt muss schöner werden, denkt sich die Stadt, vor allem, wenn in ihr der Stachel der Schwerindustrie wohnt. So wie im Norden um Marxloh, Bruckhausen und Teilen von Beeck. Deswegen wurden Pläne geschmiedet, was da denn zu machen sei angesichts von Bevölkerungsschwund und Umweltbelastungen. Auch sind die Stadtteile ja geprägt durch einen „überdurchschnittlich hohen Anteil an Arbeitslosen, Sozialhilfeempfängern und Nichtdeutschen“, wie man auf den Seiten der Entwicklungsgesellschaft Duisburg (EG-DU) nachlesen kann. Was hilft also? Richtig, Rückbau und Begrünung. Der Norden soll einen Grüngürtel bekommen, der als „Puffer zur Industrie durch Rückbau kaum nachgefragter Wohnbebauung“ dienen soll. Mit dem Grüngürtel soll die „Lebens- und Aufenthaltsqualität verbessert und das Image „aufgewertet“ werden.  Ich muss mir das mal ansehen und fahre nach Bruckhausen.

Die alte Nervtröte „Image“

Bruckhausen? Nee, was willste denn da? Voll schäbbig! Da fahr‘ ich nur durch und das auch nur, wenn es sein muss!“ Tausend Mal gehört, tausend Mal selbst gesagt. Man drückt ja auch immer das Knöpfchen im Auto runter, damit keiner der Bruckhausener Gangster einen aus dem Auto zerrt. Ganz klar. Nur Kriminelle da. Weiß man ja. Geliebte Vorurteile, ich grüße euch. Wallraf, da biste auch mit Schuld dran, dass ich das Schmuddelimage so im Kopf habe. Dein Buch und die folgende Dokumentation „Ganz unten“ präg(t)en mein Bild. Ich fahre dennoch hin und schaue einfach mal.

Mit der Katholischen Kirche fängt es an

Als erstes fällt mir ein großes Plakat von Misereor auf mit dem Slogan: „Mut ist, dahin zu gehen, wo andere fliehen.“ Döng. Das Leben ist echt freaky manchmal! Ich beginne meinen kleinen Streifzug an der Katholischen Liebfrauenkirche am Wilhelmplatz. Wie eine Trutzburg aus vergangenen Zeiten steht sie da. Leer und verlassen und umringt von verfallenden Häusern. Aber der Straßenbelag des Wilhelmplatzes ist flatschneu, das ist ein starker Kontrast und blendet mein Auge. Das Wetter ist jetzt gar nicht mehr so nett. Ein Zeichen?? Auf der linken Seite neben der Kirche gibt es nur Schrömmel. Zerschlagene Fensterscheiben, beschmierte und verrostete Briefkästen, leere Häuser, vernagelte Türen…

Noch sehe ich keine Menschenseele. Auf einem Stromkasten ist eine Spur menschlicher Interaktion zu finden. „Kevin ist Vixer“ steht dort. Oha, vielleicht ist er aber fitter in der Rechtschreibung als dieser schmähende Schmierfink? Es sei ihm zu wünschen. Pfui, pfui, pfui, sowas sagt und schreibt man nicht. Weiter. Rechts ist eine schöne Straße voller gelb angestrichener Häuser. Einen Sonnenstraße. Mag  ich. Ich knipse sie. Eine ältere bekopfttuchte Frau schaut mich verwundert an, geht aber weiter. Eine andere Frau lehnt am offenen Fenster und mustert meine Tätigkeit ebenfalls mit etwas Interesse, etwas Langeweile und ’ner Spur Unverständnis.

Die Tatkraft liegt am Boden

Neben der Kirche ist ein Spielplatz. Leer. Die Tore sind geöffnet, theoretisch können sich die Kleinen dort verlustieren. Ganz prima passenderweise liegt dort ein großer Haufen Pflastersteine. Ich hör schon im Geiste die Omma rufen: „Kevin, du solls de Chantal nicht immer die kiloschweren Steine annen Kopp haun!“

Ein, zwei Schritte weiter schlendere ich an einer Wiese vorbei. Etwas liegt auf dem Boden. Die Tatkraft. Nein, wie bildlich. Ein Schild mit der Erinnerung des Tatkraft-Tages der Franz-Grave-Werkkiste liegt einsam und vergessen danieder. Die Werkkiste ist eine Anlaufstelle für arbeitslose Jugendliche. Niederschmetternd. Hoffentlich liegt das Schild hier, weil es Motivation auf Pappe nicht mehr braucht, sondern die Jugendlichen voller Hoffnung auf dem besten Wege sind. Man wird ja noch träumen dürfen!

Bunker, Buntes und Bruchbuden

Vorbei an schönen Häusern in schönen Farben geht’s zum Bunker. Dort habe ich bis dato zwei Mal sehr nett gefeiert. Eine wirklich tolle Location. Super. Auf dem Parkplatz steht eine Horde Mädchen,nicht älter als 10,  phänotypisch türkisch und unterhält sich eifrig auf…deutsch. Sie sind sehr beschäftigt, weil eine von ihnen eine Bravo oder eine Wendy oder so in den Händen hält und den Psychotest einer Freundin analysiert: „Also, du bist pschüschisch instabil. Steht hier! Echt!!“ Hahahaha.

Weiter geht’s, durch sich ähnelnde Straßen. Es sind jetzt viele Kinder unterwegs. Aus einem Gebetsraum tönt laut das Gebet. Mit Musik. Ein türkischer Kiosk ist umflaggt von einer deutschen und einer türkischen Fahne. Nebenan wartet ein Telefon an der Hauswand auf Anrufe in die Heimat („Europa, Türkei, Afrika“) und der Imbiss macht gerade auf. Hier werde ich mit meiner Kamera arg beäugt. Als ich den geschlossenen Kiosk an der Ecke ablichte, fährt ein Mann auf seinem Fahrrad vorbei, lächelt und ruft mir zu: „Das ist bald alles weg. Alle 98!“ Ehe ich fragen kann: „98 was??“ ist er schon fortgeradelt. Ich komme an einer Infotafel mit Mietangeboten vorbei. Was? 206 Euro für 68qm kalt? Meine Güte. Ein Schnäppchen! Manche Häuser haben so tolle Fassaden! Aber wohnen mag ich da nicht. Zu weit draußen. JWD.  Außerdem frage ich mich seit geraumer Zeit wo Supermärkte, Bäcker und Apotheken sind? Ein altes Ladenlokal türmt im Schaufenster weitere Mietangebote auf. Ein Straßenschild verblasst. Aber die Sonne kommt wieder raus. Zeit zu gehen. Ich steige ins Auto und fahre Richtung Alt-Hamborn. Da entdecke ich auch endlich eine Apotheke, ein Netto und einen Bäcker. Alles drei zusammen auf einer Neubaufläche, wo kotzehäßliche kleine Einfamilienhäuser hingesetzt wurden.

Ein Besuch vor Ort, der mich nachdenklich gemacht hat. Ich hätte mal die Leute fragen sollen, wie sie die Entwicklung ihres Viertels sehen. Tät mich interessieren. Ist die Stimmung so, wie der Spiegel es schon 2008 beschrieb? Zwischen Aufbruch und Abriss? Quo vadis? Die Sanierung wurde 2007 beschlossen. Als Dauer sind laut EG DU zehn Jahre veranschlagt. Über drei sind schon weg. Für mich zeigte sich ein Viertel zwischen Tristesse und Farbenfreude. Ruhig und alt. Ohne viel Infrastruktur aber mit Charakter!

Where the streets have no name...
Where the streets have no name…

Ein Gedanke zu “Ein Streifzug durch Bruckhausen

  1. Mensch, da habe ich als Kind oft bei meinen Großeltern in Schulstraße 3 (ich glaube es war Nummer 3) gewohnt. Mein Opa war Betriebsfuehrer bei Thyssen. Ich bin dort in den kath. Kindergarten gegangen und habe in der Liebfrauenkirche 1958 geheiratet.
    Jetzt wohne ich schon seit ueber 40 Jahren in Australien. Habe hier noch 2003 meinen Dr. phil. gemacht. Schade, dass in Bruckhausen jetzt alles so verfallen ist.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s