Reisebericht Südkorea. Teil 4. The dark side. War Memorial und Grenzerfahrung

Es war Montag und ich startete die Woche mit einem Besuch im War Memorial Museum. Was ein Riesenteil. Von der U-Bahn-Station war es jetzt nicht optimal ausgeschildert, so dass ich erstmal schön in die falsche Richtung durch ein nichtssagendes Viertel gelatscht bin. Umgedreht und vorbei an diesem schönen Zaun:

Einstimmung. Gleich gibt es die volle Packung Militär- und Kriegsgeschichte. Der Platz vor dem Museumsprachtbau ist mit Soldaten- und Kriegsdenkmälern gepflastert:

Ich mache mich auf den Weg über den großen Vorplatz und fühle mich als wäre ich auf dem Gelände der Vereinten Nationen. Nicht nur wegen der Nationalflaggen, die überall wehen, sondern wegen der Architektur des Baus.

In meinemReiseführer steht, der Eintritt koste 3000 Won. Heute aber komme ich umsonst hinein, keine Ahnung wieso. Es ist relativ gut besucht. Mir fallen viele Amerikaner auf. Gleich in der Eingangshalle laufen zwei große Gruppen mit amerikanischen Touristen an mir vorbei. Der Korea-Krieg. Da ist das Interesse immer noch groß. Ein Museum zur Geschichte der Kriegsführung. Bäh. Da läuft es einem mitunter auch kalt den Rücken runter. Was mich geschockt oder geärgert hat und im Gedächtnis blieb:

  • ein Amerikaner klopft wie ein Berserker an die Scheiben, hinter denen Maschinengewehre liegen und brüllt: „i want these!!!“
  • Es gibt einen Schießstand vor einer großen Leinwand, wo man mal „Krieg spielen“ darf und auf Feinde ballern kann
  • im Museum hängen Flugzeuge von der Decke und Fallschirmspringer im Maßstab 1:1 – mittendrin statt nur dabei…

Auf dem Weg nach draußen kommt man am Gedenksäulengang für die gefallenen Soldaten vorbei und dann auf den Hof, wo Panzer, Flugzeuge und Schiffe stehen. Alle begehbar. Sehr beliebte Fotomotive. Da wird der kleine Steppke auf den Panzer gesetzt und darf den Eltern fröhlich in die Kameras winken. Das finde ich voll blöd.

JSA , DMZ & 3rd Tunnel

Eine Fahrt an die Grenze. Die Demilitarisierte Zone (DMZ). Dafür musste ich an meinem Abreisetag um 5:30 uhr aufstehen. Uuuah. Und dann in ein Taxi. Ich springe in das erstbeste, das da kommt und der Fahrer spricht NULL Englisch. Ich hatte mir die Zieladresse extra in Schönschrift klar und deutlich aufgeschireben. Aber auch damit kann er nichts anfangen, ich hätte es  in hangeul schreiben sollen. Wir versuchen uns zu verständigen und quatschen auf unseren Sprachen los und schaffen ein neues Babel. Wir lachen irgendwann völlig hilflos und ich rufe die Supernummer an: 1330. Dort wird einem bei allen, wirklich allen! Fragen geholfen. Auf englisch. Fantastisch!! Der Fahrer hat inzwischen aber schon seinen Sohn ans Handy geholt und hält mir sein Telefon ans Ohr. Der gute Junge weiß aber auch nicht, was ich meine und wo ich hinwill. Die Zaubernummerleute auf meinem anderen Ohr aber schon und die instruieren den Taxi-Joe. Puh. Endlich geht es los. Wir wollen nett zu einander sein und unterhalten uns in Zeichensprache und Lauten. Er zeigt auf den erwachenden Himmel und lacht. Ich sage „Yes, very nice“ und halte den Daumen nach oben. Dann lachen wir beide. Geht doch! 🙂 Er fährt mich auch prompt zur falschen Adresse. Wir landen beim War Memorial.  Der Wachmann versteht aber wohin ich möchte und leitet uns weiter, denn das Ziel ist auf der anderen Straßenseite. Hurra. Angekommen. Hier sind voll viele Amis unterwegs. Mit zwei Bussen fahren wir gen Grenze. Zwischendurch haut mich der Service an einer Tankstelle um. Kaum sind die Busse aufs Gelände gefahren sind auch drei Leute zu stelle, die betanken, kassieren und einweisen. Krass. Dann kommen wir an diesem diesigen Morgen beim JSA (der Joint Security Area), beim Camp Bonifaz an. Überall Uniformierte. Manch einer steht drauf, ich nicht so. Uns holen die Seargants Wilson und Amberg ab und führen uns in den einen Raum, wo wir alle unsere Guest-Badges angeheftet bekommen (das muss man oben links tragen) und ein Papier unterschreiben müssen, dass wir den Anweisungen folgen, aber falls etwas passiert und wir sterben, sind wir selber schuld. Alle unterschreiben wir fleißig. Nach einem kurzen Vortrag über die Geschichte der DMZ (entmilitarisierte Zone) laufen wir in zwei Gruppen durch das Camp und überall sind die fiesen Soldaten mit ihren noch fieseren verspiegelten Sonnenbrillen („so they can show no emotion“). Gruselig. Dann steigen wir in die Busse und fahren einige Minuten weiter an die militärische Demarkationslinie, also die Grenze der beiden Länder. Dort stehen drei blaue Baracken und davor in Taek won do -Stellung südkoreanische Soldaten. Wir dürfen rückwärts gewandt keine Fotos vom „Freedom House“ machen, durch das wir gegangen sind. Macht natürlich doch einer und er muss seine Fotos löschen. Seargant Wilson erklärt uns, wo wir genau sind und was wir sehen. Er deutet auf einen nordkoreanischen Wachturm und weist darauf hin, dass dort gerade die Blenden hochgegangen sind. Wegen uns. Wir sollten us doch mal hübsch machen, denn jetzt würden wir gefilmt. Immer wieder sagt er: „Please, do not wave or point in that direction. Do not offend the enemy!“ Als einer den Arm hebt, weil er eine Frage hat heißt es sofort. „Sir, would you not raise your arm! You can call me by my name directly!“ Oh boy. Auf der anderen Seite, in Nordkorea, steht das Panmun-gak-Gebäude und davor eine Wache. Der nimmt ab und an sein Fernglas und beobachtet uns. Das ist so surreal. Wir gehen in eine der Baracken, die als Verhandlungsraum dient. Dort kann man also Fuß auf nordkoreanischen Boden setzen.

In der Baracke darf man sich voll super neben einem Soldaten fotografieren lassen. Doll. Die Leute: begeistert. Man fotografiert sich kaputt. Boah voll spooky. Voll krank alles. Knips. Knips. Wir fahren zu einer Aussichtsplattform und schauen uns die Wachtürme an, und die beiden Dörfer, die an dieser Zone auf beiden Seiten liegen. Hören die Geschichte vom „Wettrüsten“ der Flaggen. Südkorea stellt einen Fahnenmast auf, Nordkorea zieht nach und haut ein dermaßen riesiges Ding dahin, das mehrere Männer braucht, um die Flagge zu hissen, weil die hunderte an Kilos wiegt, so groß ist die. Dann fahren wir zur „Bridge of no return“. Die soll total vermint sein. Wir dürfen nicht aussteigen. Mit dem Nebel, der heute herrscht, wirkt sie sehr bedrohlich.

Als nächster Programmpunkt steht der 3rd Tunnel auf dem Programm. Der Tunnel wurde 1978 entdeckt und mit ihm sind die Nordkoreaner bis auf wenige Kilometer vor Seoul in Südkorea eingedrungen. Ich schnappe mir einen Helm und laufe hinab, um zu sehen, wie weit die Nordkoreaner sich hierein gegraben habe. Es geht abwärts und abwärts. Es wird enger und die Decke niedriger. Beklemmend. Wenn einem dann die Rückkehr-Besucher entgegen kommen, wird es richtig eng. Ab und an macht es „Klong“ gefolgt von „Outch!“, wenn sich die Leute die Köpfe stoßen.

Es ist befremdlich dies alles zu sehen. Auf dem Weg zurück drehe ich fast durch. Es ist so steil. Anstrengend. Ich laufe und laufe und ziehe mich nach Kräften nach oben zurück. Mir platzt fast der Schädel. Ich habe eine wahnsinnig rote Birne und muss mich oben schnaufend hinsetzen. War das anstrengend. Immerhin dürfen wir danach einen kleinen Film gucken. Da wird uns erzählt, wie schön die DMZ ist, wie sich die Natur diesen Landstrich zurück erobert und dass er mittlerweile ein beliebtes Ausflugs- und Touristenziel ist. Klar, ich bin ja auch hier. Komisch irgendwie. Ich hab mich schon in Belfast am „Freedom Fence“ so bescheuert gefühlt. Wie ein Elendstourist. Danach werden wir durch ein Museum geschleust. Dort ist es sehr voll. Ich komme mir vor wie eine japanische Touristin: Europa in zwei Tagen…Schieb, Knips, Lausch, Schieb. Vor unserem letzten Stop gibt es erstmal etwas zu essen: Bibimbap, wie sollte es anders sein? Schmeckt aber einfach gut. Dann fahren wir zur Dorasan Station. Dem letzten und nördlichsten Bahnhof Südkoreas. Der wurde für teuer Geld renoviert und erweitert. Mit vielen Spenden. Dafür, dass da drei Züge am Tag halten und vielleicht 50-100 Leute aussteigen. Heute sind nur wir da. Nur Touristen. Naja.

Es war ein interessanter Ausflug, gut organsiert und voller Informationen. Und Emotionen. Ich fühlte mich hin- und hergeworfen. Fasziniert und abgestoßen. Einerseits macht mich das alles betroffen, andererseits beschämt es mich.

2 Gedanken zu “Reisebericht Südkorea. Teil 4. The dark side. War Memorial und Grenzerfahrung

  1. Ich beneide dich ziemlich um diese schöne Reise. Da ich selbst ziemlich geschichtsinteressiert bin, hätte mich das auch sehr interessiert. Besonders wenn es um Kriegsandenken geht. Habt auch viele Fotos geschossen und hochgeladen- ganz toll! Liebe Grüße

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