Über den Essener Kulturpfad zum Psychobass

Essen. Kulturpfadfest. Wat dat? Ich zitiere: „Der Kulturpfad der blau leuchtenden Steine verbindet in Essen Kunst- und Kulturorte mit einer Strahlkraft weit über die Grenzen der Stadt hinaus. “

Station 1: Synagoge

Die Zeichen stehen auf Regen, deswegen nichts wie husch, husch hinein in den recht imposanten alten Bau. Ich war bisher nur einmal in der Synagoge. Während meiner Studienzeit. Und dann auch nur hinten im Archiv. Überall sonst wurde gewerkelt, gebaut, geschraubt, renoviert. Jahrelang. Es hat sich eine ziemliche Menschenmenge angeseammelt und alle warten wir, dass wir die versprochene Führung durch das Gebäude bekommen. M., der alte Scherzbold, räuspert sich und tönt laut: „So, alle einmal zusammenkommen und hierlang, bitte!“ Natürlich folgen ihm sofort einige Leute und er bricht in Gelächter aus. Reingefallen. Das ermutigt eine ältere Dame M. eine Geschichte über eine ihrer Freundinnen zu erzählen. Die sollte während ihres Studiums ein Projekt zum Thema „Mut“ erarbeiten und hat vor einer Kirche stehend einfach laut über die Kirche irgendwas erzählt. Einige Leute begannen ihr zuzuhören und die Freundin hat die Leutchen einfach durch das Gotteshaus geführt ohne eine Ahnung von dem zu haben, was sie da gerade erzählte. Hätte M. überhaupt kein Problem mit. Während dieser Anekdote kommen ein Mann und eine Frau und nehmen die Truppe mit ins Innere der Synagoge, wo die Köpfe gleich in den Nacken gelegt werden, um die große Kuppel zu begutachten. Da wir so viele sind, werden wir in zwei Gruppen aufgeteilt. Wir sind die erste und gehen auf die Empore und schauen uns an, wo in jüdischen Gemeinden die Frauen sitzen. Wie unfortschrittlich. „Sehen Sie es mal so“, sagte die Dame, die uns die Synagoge zeigte, „hier sehen die Frauen auf die Männer hinab. Die haben von hier ihre Männer im Griff.“ Das überzeugt mich nicht! Hmpf. Auf den großen Fenstern sind die jüdischen Feste dargestellt und in Vitrinen davor sieht man die Utensilien dazu. Zu irgendeinem Fest gibt es ein Gebäck, dass aussieht wie ein Hundehaufen. Öha. Ich muss an den Film „Alles auf Zucker“ mit Henry Hübchen und Hannelore Elsner denken. Sie vertieft sich gerade in jüdische Rituale als sie verzweifelt ausruft: „Mensch, ihr habt einfach zu viele Regeln, ich blick‘ da nich‘ durch!“ Die Geschichte des Hauses gibt es im seitlichen hinteren Teil der Empore zu sehen. Da wo einstmals kunstvolle Manschetten an der Decke angebracht waren (*seuftz*, alles weg) sind nun weiße Kreise zu sehen. In diese werden Diabilder projeziert, die Archivbilder der Synagoge zeigen. Eine gute Idee.

Dann erfahren wir noch, welche prominenten Hollywood-Nasen alle jüdischen Glaubens sind („Ach, Winona Ryder auch? Bäh, Adam Sandler, den mag ich ja gar nicht!“  usw. usf.). Es gibt einen Touchscreen-Tisch, der informiert, wieviele jüdische Einwohner die Metropolen der Welt haben und eine Vitrine mit Filmplakaten zeigt Filme mit jüdischen Themen („Alles auf Zucker“, „Yentl“, „Die Royal Tenenbaums“ aber auch „The Big Lebowski“). Angeber! 😉 Danach ist die kleine Tour auch schon vorbei.

2. Station: Erlöserkirche

Im Religionswahn steigen wir in die U-Bahn und fahren zur Erlöserkirche, um uns einen Gospelchor anzuhören. Wieder dürfen wir auf die Empore. Unten ist nämlich schon alles voll. Eine halbe Stunde gibt es dann jede Menge Mitklatsch-Songs in denen es immer um dieselben „Dinge“ geht: „Joy“, The Lord“, Sorrow“, „Love“, Heaven“, „Death“, „Peace“ etc.pp. Ach, ich mag Gospels. Richtig mitreißen können sie mich hier allerdings nicht. Vor allem nicht das Solo von Uwe. Einer der wenigen Männer im Gospelchor. Er singt leider ziemlich schräg, es klingt schauderhaft. Applaus für die Traute, aber sonst nicht. Wie sich das für so richtige Gutmenschen gehört, sind sie so voll weltoffen und singen auch traditionelle afrikanische Lieder. Warum nicht. Dann singt der Chor „Kän ju fiehl se laff tunait“ (ganz genau so gesungen, ich schwöre!!) von Elton John. Ein schönes Lied, kaum kaputtzukriegen.  Das Publikum: begeistert. Das war schon nett.

3. Station: Folkwang Museum

Um die Ecke der Erlöserkirche ist direkt das Folkwang Museum. „Da gehen wir hin und holen uns heute die Entschädigung für das letzte Mal!“, sagt M. Da waren wir beide vor geraumer Zeit sehr unzufrieden aus dem Haus gegangen, weil es vollkommen unentspannt war und man allenthalben mit Verboten überhäuft wurde.  Heute ist offenes Haus und wir spazieren durch die großzügigen Hallen. Natürlich werden wir wieder angeraunzt, weil wir unsere Jacken dabei haben: „Abgeben, anziehen oder über die Schulter legen bitte!“ heißt die Devise. Über die Schulter legen dann. Als wir uns die alte Sammlung ansehen wollen, werden wir nicht durchgelassen. Uns fehlt ein Bändchen. Warum hat man uns das am Eingang nicht gegeben, angeboten, uns drauf hingewiesen? Egal.  Zurück, Bändchen holen. Dann will ich irgendwann einfach nur mal genauer lesen, was auf einem Schild neben (!) einem Bild steht und gehe näher ran. Kurze Zeit später werde ich um einen Mindestabstand von einem halben Meter gebeten. „Sie sind von der Kamera da oben gesehen worden, dann habe ich über Funk Bescheid bekommen und Sie jetzt informiert“, klärt mich der Museumsmitarbeiter auf. Wie ungemütlich. Big Brother und so. So sehr ich Sicherheitsvorkehrungen einsehe, fühle ich mich im Folkwang Museum aber immer gegängelt. Total unentspannt. Das war mein dritter Besuch und jedes Mal so etwas. Bläh.

Nach einem kurzen Zwischenstopp in einem Café geht es zum letzten Punkt des Abends. Einem wahren Höhepunkt!

4. Station: Die Heldenbar im Grillo-Theater

„Das klingt nach Kunst, ich hab‘ angst“, sage ich scherzhaft, als im Programm-Flyer blättere und den Text zur Veranstaltung „Nase abschneiden“ lese:

„Der Medienkünstler Karl-Heinz Mauermann zeigt ein Video – einen Film voller Grausamkeit, Morbidität und Erotik. Die Aufführung wird live untermalt vom Bassisten Christoph Kammer und ebenso live kommentiert vom Autor selbst – also eher eine filmische Performance.“

Als wir dann in der zweiten Reihe Platz nehmen, vor uns ein alter Schreibtisch  mit Leselampe steht, links daneben ein Kontrabass und eine Leinwand auf einen 58minütigen Film verweist, bekommt auch M. kalte Füße: „Ach du Scheiße!“ Mauermann kommt auf die Bühne und nimmt am Tisch Platz. Er hat einen Weihnachtsmannbart und einen Zopf. „Kleinkunst!“ schreit es in mir! Der Film geht los und zeigt mega-verlangsamt eine Straße irgendwo in Essen oder Bochum. Dann gibt es Geschichten aus dem Ruhrgebiet. Über Hans Gensch, der sich die Nase abschnitt, damit die Brille nicht mehr hält und er nichts sehen muss. Über Nylonstrumpfhosen, junge Frauen mit roten Mündern in Tupfenkleidern und was weiß ich noch. Zwischendurch gibt es immer musikalische Einlagen am Kontrabaß. Die sind lang. So lang, dass man immer kurz an der Schwelle zum Wahnsinn steht. Da schwirren schräge Töne durch den Raum, dass wir uns immer fragen „Wat soll dat???“ Ein Einblick:

Manchmal legt der Musiker auch ein Papier unter die Saiten und lässt die dann durch rabiates Zupfen auf das Blatt peitschen bis es wegrutscht. Kunst! Als eine Episode über ein perfides Bordell zum besten gegeben wird, tritt der Musiker auf ein Pedal und ein lautes „Uiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii“ flirrt durch die Heldenbar und attackiert unser Gehör. Immer wieder: „uuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii“. Ja. Hurz, sag ich, hurz! So ein Stuss. Wir sind froh, als die Perfomance vorbei ist. M. fragt sich, ob wir da jetzt „einfach mal eine Stunde langt verarscht“ worden sind. Als Fazit des Abends schaut er mich an und fragt: „Sollen wir das jetzt nicht mal sein lassen mit der Kunst und der Kultur? Wir werden doch immer nur enttäuscht!“

Wir werden es aber nicht lassen können. 🙂

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