Haldensaga – Wir springen ins Universum

12 Stunden laufen? In der Nacht? Über Halden? Mit  Radioballett? Klingt merkwürdig, aber wir machen mit. Wir nehmen Teil an der „Nachtwanderung für Städtebewohner“, der sogenannten Haldensaga. Auf der Internetseite habe ich mir die angebotenen Touren angeschaut und mich für Halden entschieden, auf denen ich noch nie war. Halde Rungenberg in Gelsenkirchen und Halde Schurenbach in Essen. Die Strecke (E2)  soll 13, 8 km lang sein.  Sie gehört zu den leichtesten von allen. Immerhin.

Start in Gelsenkirchen – Schocknachricht von Amy

Samstag mittag. Es regnet und ist grau. Ich möchte doch nicht mehr wandern. Ich sage ab. Dann sieht es doch wieder ganz schön aus. Ich sage zu. Mit dem Auto geht es nach Gelsenkirchen zu den Sutumer Brücken. Nie zuvor gehört. Ohne Auto wäre man aufgeschmissen gewesen und kaum zu diesem Hot-Spot gekommen. Auf dem Parkplatz eines Kleingartenvereins stehen wir und suchen das Anmeldezelt, um unsere Bändchen zu holen. Dummerweise hatte ich mein im Internet gekauftes Ticket vergessen und musste ein neues erwerben. Von Tisch 1 werde ich 10 cm weiter auf Tisch 2 verwiesen, dort zurück zu Tisch 1 und von dort an eine Frau mit Gürteltasche, der „Kasse“.  Soweit so chaotisch. Einmal Passierschein A 38, bitte. Dann suchen wir unseren Guide. Wir bekommen Jasmin. Jasmin kommt aus Sachsen, wie man hört, wohnt aber auch in Witten und ist gutgelaunt dabei. Sie ist recht verpeilt, aber fröhlich. Wir sind 28 Leute. Von Jasmin bekommen wir einen Wegplan sowie ein kleines Radio für das Radioballett auf der Halde (au wei, au wei, au wei). Dann gibt es noch Regenponchos und für Notfälle Jasmins Handynummer. Sie kenne sich zwar nicht aus, habe aber ein GPS-Gerät. Na, das beruhigt! 🙂 Nachdem sich dann Freiwillige gemeldet haben, die am Beginn und zum Ende der Gruppe laufen, werden diese dann mit neongelben Bändern (uuuääääh, wie im Sport-Unterricht!) bekleidet und los geht’s. Wir laufen vorbei am „Bonbon-Mann“, der uns bei der Parkplatzsuche eingewiesen hat und M. fast sein Bonbon auf die Schulter gespuckt hätte. Wir haben die Durchhalte-Profi-Truppe erwischt. Von Beginn an wird ordentlich geheizt. Fast gerannt. Jasmin muss immer wieder nach vorne laufen und um gemächlicheres Tempo bitten, um die Gruppe zusammenzuhalten: „Nicht so schnell, es soll doch auch Spaß machen!“ Es gibt eine erste Pause, nachdem wir an Feldern vorbeiliefen, die Sonne schien und man einen schönen Blick auf die erste Halde, Halde Rungenberg hatte. Während wir uns auf die Bordsteinkante setzen und etwas trinken, geht die Schocknachricht des Tages um: Amy Winehouse ist tot. So was Blödes. Ja, den schlimmen Auftritt in Serbien hatte ich gesehen und mich gefragt, welche Arschgeigen die Frau noch auf die Bühne schieben, anstatt in die Reha weit weg in den Bergen. Weg von den ganzen Branchenfuzzis. Nun ist sie tot. Schade. So eine Nachricht, so unvermutet sie trotz aller Skandale und Skandälchen dann doch kam, hat etwas surreales. Mit diesem Gedanken im Kopf geht es weiter. Auf die Halde.

Halde Rungenberg – Der Sonnenuntergang

Vorbei an der „Köttelbecke“ Emscher, die uns immer wieder mal ein köstliches Düftchen um die Nasen legt,  geht es auf die Halde Nummer eins.  Hier gab es einst die Zeche Hugo, wie die alte „Hugo-Bahn“ und die Kohlenwagen am Fuße der Halde kenntlich machen. Die Halde hat zwei Spitzen, auf denen jeweils ein großer Scheinwerfer aus rostigem Stahl steht. Deren Lichtstrahlen kreuzen sich am Nachthimmel. Bevor es aber nach ganz oben geht, weist uns Jasmin noch einmal ein. Jeder soll sich einen „Schmeichelstein“ finden und mit nach oben nehmen. Treffpunkt sei der Sendemast. Dann dürfen wir uns aussuchen, welchen Weg wir nehmen. Wir steigen natürlich querfeldein hinauf. Der Blick ist wirklich großartig. Vor allem, da man auch die anderen Halden hier hervorragend sieht. Nachdem wir bis zu den „Nachtzeichen“-Kunstwerken hochgeraxelt sind, suchen wir das Verpflegungszelt auf. Hier gibt es Äpfel und Wasser. Jasmin meldet sich dort, um anzugeben, dass sie ihre Gruppe sicher hier hoch gebracht hat. Dann fragt sie, wo der Sendemast sei. Neben einer winzigen Antenne ( aka der „Sendemast“) treffen wir uns dann und erfahren die Frequenz für das Radioballett, geschaffen von der Gruppe Ligna. Wir schalten unsere Radios ein und erleben bizarren Esoterik-Murks!

Das Radioballet

Als allererstes hören wir ein Stück, dass sich wie ein amerikanischer Gospel aus den 30er/ 40er Jahren anhört. Irgendwas mit „Oh Lord, deliver Jonah from the belly of the whale“. OK. Aber der Sänger sang immer zu einem Bär (??!!!), der dann auch immer brummte. Das war schon ein ziemlicher Braintwister und wir lachten uns schlapp. Als das erstmal immer so weiter ging, entfernten wir uns von der Gruppe und stellten einen anderen Sender ein. Nach unserem Haldenspaziergang drehten wir auf die Balletfrequenz zurück und landeten bei Schritt Drei des Sonnenuntergang-Rituals. Ich bekomme nicht mehr alles zusammen, aber ständig sollte man aufeinander zu gehen, seinen Namen oder den seines Gegenübers sagen. Sich in die Augen schauen und berühren. Dann sollte man springen. In das Universum. Zu den Sternen. Dann hatte man Siebenmeilenstiefel an und ging in großen Schritten durch die Welt. Dann sollte man leicht und schwer werden. Immer wieder sollte man kreisen (da war uns schon leicht schwurbelig). Sich nach vorne und nach hinten beugen. Sich treiben lassen. Dann kam der Stein zum Einsatz. Als Steiger der Zukunft sollten wir uns fragen, wo der Stein herkommt, welche Geschichte er hat, dass er ausgerechnet uns an diesem Tag zu dieser Zeit vor die Füße gefallen ist. Dann sollten wir uns auf die Halde legen. Sie sprach nämlich zu uns. Wir mussten sie kratzen. Dann gab es noch ein Lied, wo wir immer singen sollten „Wir haben was bewegt“. Vorher sollten wir im Kreis laufen und sagen: „Wir kreisen des Nachts auf der Halde umher und werden vom Feuer verzehrt.“ Punktum: komplett gaga. Wir machen uns da einen Spaß draus und geben dem Affen Zucker. Den ganzen Kokolores machen wir mit und tanzen und lachen. Was für ein herrlicher Quatsch!

Weiter wandern

Nachdem unser Jasmin-Guide dann erstmal wieder rumfragen musste, wo wir lang müssen, bzw. an welcher Stelle wieder hinabsteigen müssen, sind wir dann prompt an der falschen Stelle runter und laufen dann um die komplette Halde herum. Wat sollet?! Dann machen wir uns auf den Weg zum Hof Holz, zur Erzählstation. Hier wartet Motivationstrainer Andreas Niedrig auf uns und erzählt von seiner Ruhrgebietsjugend. Und von seiner Drogenkarriere. Und von der Überwindung derselben und seinem Sport. Ein Iron-Man. Wie können Leute das nur machen? Unfassbar. An einem Tag kilometerweise, schwimmen, radeln und laufen. Niedrig liest eine Seite aus seinem Buch (das er gar nicht marketingmäßig aufdringlich zum Verkauf anpreist, eine Wohltat) und zeigt einen Kurzfilm und Dias. Danach schnell noch einmal auf die Toilette und weiter geht es. Nächstes Ziel: Nachtrast. Als wir den Hof verlassen fängt es an zu regnen.

Nachtrast auf Schloss Horst

Schloss Horst. So kann auch nur ein Schloss in Gelsenkirchen heißen. Als wir dort ankommen sind wir ermattet und nass. In unseren quietschbunten Regenponchos sehen wir aus wie Knetmännchen aus Hallo Spencer. An den Futterstationen gibt es Knäckebrot. Bevor wir rasten singen wir noch schnell ein Geburtstagsständchen für eine Gruppenteilnehmerin. Im Schloss Horst fühlen wir uns wie Pilger. Alle sind einigermaßen müde und froh drinnen im Warmen zu sein. Der Fußboden ist beheizt. Welch Wohltat. Das Schloss kannte ich noch nicht. Es ist wirklich schön. Der alte Baubestand im Innern war sofort ein beliebtes Fotomotiv. Das Museumspersonal war sehr nett und bot gratis Kaffee und für die Nimmermüden noch Führungen durch das Haus an. Wir haben uns ertmal hingesetzt und Ms. selbstgebackenen Kuchen verköstigt. Danach wurden die Glieder gestreckt. Jasmin kommt und fragt, ob auch wir dafür sind, die Rast etwas länger andauern zu lassen. Unbedingt!! Wir fahren unsere Energie runter und hadern dem Aufbruch. Draußen regnet es nämlich weiterhin Bindfäden. Ungemütlich! Kurz bevor wir erneut aufbrechen (um 4 Uhr sollen wir laut Ablaufplan auf der nächsten Halde sein) macht ein mitwandernder Fotograf noch ein Gruppenfoto für den Werbekatalog der Regenponchos. Im nächsten und letzten Wanderstück setzt uns der Regen ganz schön zu.

(c) Andreas Buck

Halde Schurenbach – Der Sonnenaufgang

Kurz bevor wir in Essen ankommen sind wir nass. Auf den letzten Metern haben meine Schuhe dann doch noch das Wasser durchgelassen .  Als wir am Fuße der Schurenbachehalde sind, kommen uns Aufgeber entgegen, die das Sonnenaufgangsritual nicht mehr mitmachen möchten. Wir erfahren, dass wir die einzige E-Etappen-Gruppe sind, die durchgehalten hat. Wir applaudieren uns selbst. Jasmin bedankt sich bei uns und freut sich, dass wir so tapfer waren. Ihr Job sei eigentlich erledigt sagt sie, aber sie würde die Haldensaga gern mit uns beenden und mit aufsteigen. Applaus. Och, wie nett! Die Schurenbachhalde ist an diesem frühen Sonntagmorgen ein Meer aus Schlamm. Mittendrin steckt eine Bramme, der wir kaum Beachtung schenken. Wir wollen ins Zelt, wo ein warmes Feuer brennt. Das wollen die letzten, die durchgehalten haben auch. Dementsprechend eng ist es. Und auch die gute Laune ist nicht mehr sooo gut („Hey, Vorsicht, ich sitze hier auch noch!!, „Können Sie nicht mal den Rucksack abnehmen???“). Auf das Sonnenuntergangsritual haben nur ganz wenige Lust. Wir hören es uns an und machen uns um kurz sechs auf den Weg zum Bus-Shuttle, um zurück zum Auto zu kommen. An der Haltestelle stehen an diesem verregneten Morgen (dessen Sonnenaufgang wir im Zelt nicht wirklich mitbekommen haben) drei Busse ohne Beschilderung. Die Verwirrung ist groß. Wer fährt wohin? Die Busfahrer wissen es anfänglich selber nicht. Im Bus erlösen wir uns endlich aus der Regenkleidung und bald fallen uns die Augen zu.

Es war ein mitunter bizarres Erlebnis. Mit dem Radioballett hatte man das Gefühl, gleich werden wir alle abgeholt. Von UFOS oder Menschen in Zwangsjacken. Mit den Streckenabschnitten, der Wegbeschilderung und den Versorungsständen sowie den Toiletten  war alles sehr gut organisiert. Mitunter waren die Wartzeiten auf den Halden etwas zu lang. Wenn es da noch Programm gegeben hätte, wäre das schön gewesen. Mehr Zelte hätte die Haldensaga auch vertragen können. Wenn dann noch das Wetter mitspielt, steht einer Wiederholung eigentlich nichts im Wege und ich würde noch einmal mitmachen.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s