Was vom Leben übrig bleibt…Eugene Ionescos „Die Stühle“ im Rahmen der Ruhrtriennale

Theater. Endlich mal wieder Theater. Diesmal sogar das ganz Große. Das Europäische! Denn es handelt sich um „Les chaises – Die Stühle“ von Eugene Ionesco. Ich bin ehrlich – der Name hat mir nicht wirklich etwas gesagt. Auch das Stück ist mir völlig unbekannt. Es ist die Ersatzveranstaltung für „Don Juan kommt aus dem Krieg“. An der Kasse gibt es zur  Karte ein paar Ricola-Bonbons dazu. Das ist gut, entgeht man doch so der Verlegenheit das Stück in Grund und Boden zu husten. Gleichwohl…wenn man folgendes Video sieht, ist es doch auch erschreckend, was ein Bonbon anrichten kann, vor allem ein „Fruchtbonbon mit Vitamin C“:

Doch zurück nach Duisburg, in den Landschaftspark. Vor Beginn gibt es eine Einführung zum Stück. Hier wird dann von Eva-Maria Voigtländer  auch alles, was man gleich sehen wird haarklein vorweg genommen. Zwar nimmt sie mir ein bisschen was an Überraschung weg, doch macht sie mich auch neugierig. Der Theatersaal über dem Maschinenfoyer im Gebläsehallenkomplex (uff, welch Beschreibung) ist gut besucht, nahezu ausverkauft, was mich ja doch ein bisschen wundert. Schließlich wird komplett in französischer Sprache vorgetragen. Dazu handelt es sich noch um sogenanntes „absurdes Theater“. Die Bühne zeigt sich als schwarzer Schaukasten. Auf dem Boden zwei große Wasserlachen, zwei, drei  Stühle und ein Radio. In diesem tristen Szenario treffen wir auf das betagte Ehepaar Poppet und Semiramis. Sie stehen vor einem Großereignis. Sie erwarten viele Gäste, da Poppet eine Rede zu Gehör bringen will. Nicht er selbst, dafür ist er zu schwach. Er hat einen Redner hierfür bestellt. Diese Rede, als Zeugnis seines Lebens, seiner Erfahrungen, soll sein großer Triumph sein, bevor er das Leben hinter sich lässt. Zusammen mit Semiramis beabsichtigt er auf dieser Spitze seines Daseins zu sterben. Doch auf was für ein Leben können Sie zurück blicken? Semiralässt sich jeden Abend dieselbe Geschichte on ihrem Mann erzählen. Sie will die Durschnittlichkeit, die Nichtigkeit ihres Mannes aufwerten indem sie ihn immerwährend betüddelt und versucht, ihn moralisch aufzubauen („Du hättest CHEFredakteur, CHEFschauspieler, CHEFmarschall werden können!“). Poppet verfällt ins Kindische, liegt in Windeln danieder und fleht nach seiner Mama. Wie entwürdigend. Sie leben in einer nicht näher bestimmten postapokalptischen Welt.  Wir erfahren, dass es die Stadt Paris zum Beispiel nicht mehr gibt („Vor 400.000 gab es sie, die Stadt der Lichter“), dass es mal einen Sohn gab. Oder vielleicht doch nicht? Was war ist Illusion. Wie auch der Abend mit den Gästen, deren Stühle freilich leer bleiben. Auch, wenn Semiramis und Poppet sich mit den Gästen unterhalten. Mit der verflossenen Liebe, mit den Herren und Damen von Rang und Namen. Und mit dem Kaiser darselbst, der Ihnen die Ehre erweist. Das Ehepaar stirbt und der Redner holt aus, um die großen Worte zu verkünden. Er sieht aus wie Elvis und lässt auf eine große und beeindruckende Show hoffen. Aus seinem Munde kommen aber nur gestammelte Laute und zum Schluss ein Schrei. Wie niederschmetternd. Was war? Was bleibt? Was wird? Nichts.

Ich habe selten so gutes Schauspiel gesehen. Die beiden Darsteller Dominique Reymond und Micha Lescot, die natürlich Jahrzehnte jünger sind als ihre Figuren, spielen sehr, sehr intensiv und absolut beeindruckend. Eine darstellerische Tour de Force. Sie meistern den vielen Text, die Mimik und Gestik alter Menschen und die enorme Bandbreite an Emotionen und Stimmungen mit Bravour und haben mich begeistert. Das man oftmals auf die Übertitel schauen musste, macht gar nicht. Eigentlich ist man oftmals so vom Spiel gefangen, dass man „vergisst“ mitzulesen. Ein größeres Kompliment kann ich Luc Bondys Inszenierung nicht machen.

(c) Mario Del Curto
(c) Mario Del Curto

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