Subkultur Fragezeichen?

Mann, bin ich spät dran. Die Führung ist jetzt auch schon wieder eine Ecke her. Beim googlen bin ich auf eine „Subkult(o)ur“-Führung durch Essen gestoßen. Dass ich solche Wortspiele mit Klammern hasse nur nebenbei. Am 17. September ging es durch die Essener Nordstat. Parallel lief Essen original. Beschrieben wird die von Simply out Tours bei unserem Termin erstmalig laufende Veranstaltung so:

Subkultur? Die Definition wird Stadtführerin Melanie Hundacker auf der alternativen Stadtführung „Subkult(o)ur“ erläutern – ganz einfach! Soviel vorweg: Subkulturen sind da – seit Jahrtausenden! Können also nicht ignoriert werden. Bei dieser Tour werden wir neugierig sein, und mehr über die Subkultur der Essener Nordstadt und die Menschen, die da hinter stehen erfahren.

Klingt ja erstmal nicht so schlecht. Mal abseits der üblichen Pfade laufen. Ok, der Spaß kostet 13 Euro…Wir haben uns das mal gegeben. M. und ich stoßen an jenem Samstag etwas später dazu, da steht die recht ansehnliche Truppe (etwa 20 Leute) bereits vor dem GeKu-Haus. Ob dazu schon etwas erzählt wurde? Ich kenne es nämlich nicht und da drin sieht es nett aus. Aber dann geht es auch schon los.

Im Tattoo-Studio

Melanie Hundacker, die sich aus der „alternativ-öko“-Ecke kommend beschreibt, führt uns in ein Tattoo-Studio.

Oha. Ich dachte eher, es geht eher Richtung Pub Crawl und sie zeigt uns gute Bars, kleine Szeneläden, Kulturvereine etc. OK, jetzt starten wir mit den Tintenstechern. „Ist das Subkultur? Fragezeichen?“, sagt Hundacker als sie uns in den Laden führt. Eine Frage, die immer wieder genauso gestellt werden wird. So oft, dass ich schreien möchte. Zwei sehr tätowierte Menschen zeigen, was sie für Kunstwerke auf die Haut bringen. Während M. mich auf das Reclamheft (Nathan der Weise) am Nebentisch aufmerksam macht („Ist das die Subkultur?“) zeigt sich Hundacker gar erstaunt darüber, dass beide ihr Studio so normal führen: „Das denkt man ja gar nicht, dass da so eine normale Arbeitsteilung hintersteckt. Sie ist für das Künsterlische da, er für die Buchhaltung.“ Äääähm. Wie jetzt? Gibt es da jetzt echt jemanden, den so eine „Info“ überrascht? Ich blicke mich um. M. beginnt schon abzuschalten. Die anderen nicken bei Hundackers Worten bekräftigend mit dem Kopf. Hallo? Dat is ein Geschäft wie jedes andere auch, wo Miete gezahlt werden muss, die Angestellten, der Strom etc.pp. Ich befürchte schon an der ersten Station, dass die Führung ein Fehler war. Für mich interessanter war, dass die berühmten Tribals bei Tätowierern nicht so gut ankommen und die sowas auch nicht gerne stechen. Lieber echte Motive, Bilder. Aha. Nun denn.

Im GOP Varieté-Theater

Die nächste Station ist das G.O.P. Varieté-Theater. „Ist das Subkultur? Fragezeichen?“, heißt es dort im Foyer gleich wieder (Hier denke ich schon das erste Mal „Aaaaaaaaaaaaaaah“).

Geplant ist mit Akteuren der Show zu sprechen. Da diese aber in Kürze beginnt und es alles ziemlich hektisch ist, fällt das aus. Startschwierigkeiten – ist ja immerhin die erste Führung dieser Art. Hier hat das Timing mal nicht gestimmt. OK. Wir erfahren, dass das Varieté als Kulturform ja auch lange in der Subkultur sein Dasein gefristet hat. Nun sei es etabliert und irgendwie ja auch Hochkultur, wie man an den berühmten Varietéhäusern erkennen könne. In der aktuellen Show soll ein Gothic-Pärchen auftreten. Ein kurzer Abriss über Gothics folgt, dann erklärt Hundacker, dass sie die Künstler kennengerlernt habe. Diese seien „ganz normal“. Unfassbar! „Sie gehen schwimmen und bringen die Kinder zur Schule.“ Bäng. Dieser Satz hat echt gereicht! Wie weltfremd ist die denn?, denke ich und muss meinen Lachkrampf mit einigen Schwierigkeiten unterdrücken. Da gehen Gothics so einfach so, mir nix dir nix, ins Schwimmbad. Wie du und ich. Ich geh kaputt! Diese Gothics. Wir gehen ihnen weiter auf die Spur.

Im Leo-Store

„Das ist das Karstadt der Gothics. Da kommen Leute von überall her, um hier einzukaufen. Köln, Bochum, Dortmund.“

Wieder so ein Satz. Sogar aus Dortmund?? Da hört sich doch alles auf. Wir stehen im Leo Store, dem Mekka der Goths und Cyberpunks und können uns für wenig Geld (10 Euro) piercen lassen. Ob da einer Lust drauf hat? „Wird man auch getacked?“, fragt eine Teilnehmerin. Oha, da weiß einer Bescheid. Nee, das ist nicht im Angebot. Sich löchern lassen mag niemand, die Räumlichkeiten dazu werden uns aber vom netten Geschäftsführer mit dem Zipfelbart gezeigt. Das besondere sei nicht nur die Größe und Auswahl des Ladens, sondern vor allem die untere Etage mit den Cyberklamotten. Er erklärt, was es mit diesem Phänomen (gähn) auf sich hat und zeigt uns die Bühne, wo DJs ordentlich laut auflegen. Gefällt mir. Gefällt mir,  solange nicht wieder gesagt wird: „Ich finde das unglaublich spannend. Und man sieht, dass man gar keine Berührungsängste haben muss. Alle sind unglaublich nett.“ Seuftz. Wir sind komplett die falsche Zielgruppe. Auf dem Weg nach draußen bekommen wir stilecht noch eine Büchse Bier in die Hand gedrückt. Echtes 5,0 Feldschlösschen-Bier. 🙂

Im Nord

Unsere Tour endet im Nord. Die Kneipe meiner Uni-Zeit. Mit legendär günstigen Spaghetti. Und dem ebenso legendär stinkenden Parmesan.

Die gute alte verranzte Kneipe an der Ecke. Dort dürfen wir uns ein Getränk bestellen („Was Sie möchten, aber bitte nicht über 3, 5 Euro“), es ist im Preis inbegriffen. Wir sitzen oben, bei den Billardtischen und hören kurz Verena (oder war es Vanessa?) zu, die ein bisschen was vom Selbstverständnis des Nord erzählt. Das hier alle willkommen sind. Dass die Musik hier zwischen Rock, Metal und Alternativ pendelt. Das Übliche halt. Hundacker fragt in die Runde, wo es denn solche Kneipen sonst noch gebe? Ob es sowas in Hamburg denn gäbe? Ääääh, klar. Ich mag das Nord, ich mag seine Verranztheit. Aber aus dieser moralinen Lehrerperspektive mag ich mir das gar nicht anschauen. Hundacker meint es sicherlich nicht so. Aber das ständige Betonen der „Normalität“ macht alles so annormal. Als müsste man da erstmal mit Samthandschuhen dran und mal vorsichtig reingucken. Während wir unsere Getränke zu uns nehmen, verteilt sie unser „Geschenk“, dass geheimnisvoll in der Tourenbeschreibung angekündigt wurde. Es waren Anti-Nazi-Pins. Aha. Dann huscht sie, bevor wir ausgetrunken haben weg, weil die zweite Tour in wenigen Minuten startet. Ich bin ernüchtert.


M. und ich treffen danach auf S. und müssen uns erstmal stärken. Dann stromern wir selber noch ins GeKu-Haus (GeKu = Generationenkult) Das gefällt mir gut.

Nur: Wo war beispielsweise das Unperfekthaus? Essen hat bestimmt mehr zu bieten. Da ist noch Potential drin. Und weniger Freak-Show wäre nett. Einfach nur die Angebote zeigen und nicht immer dieses „Ach, die sind ja alle so normal“-Gesülze. Wir waren wirklich nicht die Zielgruppe:

Und die Teilnehmer haben die Möglichkeit im „sicheren“ Rahmen der Tour mal reinzuschauen, in die vielleicht bisher immer mit Argwohn oder Scheu betrachtete Szene. Die im übrigen einzigartig in Deutschland ist! Läden, in denen schwarze Kleidung angeboten wird, Tattoo-/Piercing-Studios, Idealisten, Kneipen, Disco! Die Tour ist für alle geeignet, die Offenheit mitbringen und sich nicht weiter von adaptierten Vorurteilen leiten lassen, sondern sich ein eigenes Bild machen wollen!

Wer also glaubt Schranken abbauen zu müssen, der ist hier gut aufgehoben. Wer allerdings wirkliche  Einblicke in die Subkulturszene erhalten möchte, der macht sich am besten selbst auf. Nette Idee, nette Leute in den Läden. Auch nette Tourführerin, aber vertane Chance.

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