Reisebericht New York Teil 5: Ausflug nach Washington

Man muss ja auch mal raus aus der Stadt. Hatten wir vorab überlegt nach Bosten UND Washington zu fahren, lässt unsere Reisekasse nur einen Städtetrip zu. Wir haben uns in der Penn Station bei Amtrak erkundigt, was uns eine Zugfahrt nach Washington (lieber die Hauptstadt als Boston) kostet. Bei der Antwort fallen wir fast hintenüber: 220 Dollar. Öhm, nö. Dann halt nicht. Wir  gehen dann doch zum GreyhoundSchalter und fragen da mal. Zack. Schlappe 180 Dollar günstiger. Für nur 40 Dollar kommen wir an einem Tag nach Washington und wieder zurück. Die Fahrt dauert jeweils gute 4 Stunden, weshalb wir früh los- und spät wieder zurückfahren. Das wird anstrengend. Um 5:00 Uhr morgens klingelt der grausame Wecker im Hotel und wir machen uns fertig. Um 7:00 Uhr geht der Bus. Wir fahren zur Penn Station. Wir sind verpennt. Das ist nämlich falsch. Wie die Hühner laufen wir da herum und suchen unser Gate 64. Nix. Nada. Zilch. Ich frage einen Polizisten, wo wir denn hinmüssen. Er ist mürrisch und guckt mich an, als könnte er nicht glauben, was ich da frage: „This is a train station! You need the bus station. It’s about 10 blocks from here!“ Mann, sind wir blöd. Wir müssen zum Port Authority. Dann aber schnell rüber. Wir sind zerschlagen (wir schlafen irgendwie keine Nacht durch) und hetzen zum richtigen Abfahrtsort. Dort wird man nach Ticketnummern aufgeteilt und darf dann in den blauen Bus.

In den Filmen waren die Dinger immer glitzernd grau.  Der Fahrer ist ziemlich harsch und sagt erstmal, was man alles nicht darf und das es eine Pause geben wird und man bitte pünktlich ist, sonst: Pech. Wir dösen die Fahrt vor uns hin. Der Tag wird immer heller. Das wird ein Wetterchen geben. Strahlend. Wir fahren an riesigen Soldatenfriedhöfen vorbei. Krass. (Nationalfriedhof Arlington)

Der Bahnhof ist wirklich schön. J. tauscht hier schnell noch ein paar Dollars ein und dann wollen wir los. Das Capitol haben wir schon vom Bus aus gesehen, da wollen wir jetzt hin. Ein Stadtplan von der Touri-Info zeigt, dass alle Sehenswürdigkeiten mehr oder weniger eine Straße entlang sind. Das ist ja einfach. Wenige Schritte von der Union Station und dem Columbus-Brunnen entfernt stehen wir schon am Capitol und knipsen uns halb verrückt.

J. bringt erneut ihre Theorie zum Ausdruck, dass Amerikaner ein Minderwertigkeitsgefühl haben, was ihre eigene Geschichte angeht und sich deswegen so Protzbauten mit europäischen Antikenzitaten hinstellen. Das mag sein. Wahrscheinlich. Aber schön ist es dennoch. Rechts daneben sehen wir in der Ferne das Washington Monument. Es ist immer so ein komisches Gefühl vor Dingen zu stehen, Dinge zu sehen, die man so gut zu kennen meint, weil man sie schon 1000 Mal auf Fotos und in Filmen gesehen hat. Kann ich gar nicht richtig beschreiben. Irgendwie komisch, als könnte das Wahre gegen die Erwartung nicht standhalten.

Washington erscheint mir wahnsinnig künstlich. Dieser ganze Weg von der Union Station zum Lincoln Memorium war ein musealer Weg. Alles so bedeutungsschwer. Das Wasserbecken hinter dem Capitol heißt dann auch „Reflecting Pool“. Dann kommen wir ans Washington Monument, den großen Obelisken. Wir entscheiden uns hier einen Schlenker nach links zu machen und zum Weißen Haus zu laufen. J: „Ich dachte, damit haben wir angefangen??“ Ich: „Nee, das war doch das Capitol.“ J: „Ach.“  So richtig nah dran kommt man natürlich nicht. Wir stehen auf einmal vor einem großen, langen schwarzen Zaun und schauen auf Rasen. Ganz hinten sieht man dann, was man aus den Nachrichten so kennt. The White House. Krass. Langweilig. Überall Leute, die durch den Zaun fotografieren, die sich vor dem Zaun fotografieren.

Langweilig. Wir gehen zurück zum Obeliksen, von dort über das riesige World War II Memorial zum Lincoln Memorial. Das Ding ist schon krass. Die vielen Stufen, die man läuft, um Old Abe auf seinem Stuhl hocken zu sehen… Es ist ein Tempel. So steht es ja auch über Lincolns Kopf in der Inschrift: „In this temple as in the hearts of the people for whom he saved the union the memory of Abraham Lincoln is enshrined forever“.

Hier auf den Stufen müssen wir uns nach der ganzen Lauferei erst einmal ausruhen. Die Strecke zieht sich ganz schön. Und es ist soooo warm! Unten vor den Stufen zum temple ist eine Platte im Boden an dem Punkt, wo 1963 Martin Luther King stand und seine berühmte „I have a dream“-Rede hielt. Das gibt Gänsehaut.

Zum King-Denkmal haben wir es leider zeitlich nicht mehr geschafft. Schade. Nach dem Lincoln Memorial wollen wir nämlich noch ein bisschen das „echte“ Washington sehen und laufen in die Stadt. Hier genehmigen wir uns erstmal einen leckeren Frozen Yoghurt. Die beste Adresse hierfür hat uns ein netter Mann mitgeteilt, den wir vor dem Ronald Reagan Building getroffen haben und der uns eigentlich die Sehenswürdigkeiten der Stadt näher bringen wollte. 🙂 J. ist hier schon völlig fertig und verabschiedet sich. Sie wartet auf J. und mich am Bahnhof. Wir stromern noch durch die Altstadt und schauen mal hier, mal da. So wirklich aufregend ist sie nicht. Wir entdecken das FBI-Hauptquartier und kriegen uns gar nicht mehr ein, wie unfassbar hässlich das ist. Ugh!

Wir überlegen, was wir mit der restlichen Zeit noch anfangen können und entscheiden, einen Versuch zu wagen, zum Martin Luther King Denkmal unten am Fluss zu laufen. Auf dem Weg kommen wir am Holocaust Memorial Museum vorbei. Das sieht selbst schon aus, wie ein alter Nazi-Bau. Dann sind dort auch noch große Plakate zur Ausstellung über die Macht von Propaganda angebracht. Gruselig.

Am Hafen angekommen blicken wir auf die Uhr und stellen fest, dass wir es nicht schaffen werden, noch bis zum Denkmal und dann wieder zum Bus zu laufen. Blöd. Zurück am Union Square erwartet uns das Chaos. Wir wissen nicht, wo unser Bus abfährt. Die Leute, die dort arbeiten auch nicht. Es bilden sich Menschenschlangen und irgendwie weiß keiner genau für welche Destination er jetzt wo anstehen muss. Es ist total chaotisch und die Leute murren („Hey! This is crazy! Can you give us at least SOME information???“). Unser Bus fährt mit ’ner Stunde Verspätung ab. Die ganze Zeit mussten wir stehen und warten. Wir sind fertig. Dann fahren wir mit einer anscheinend sehr alten Gurke, denn es rumpelt und ruckelt, da ist an Schlaf nicht zu denken. Wir werden mal richtig schön durchgeschüttelt. Als wir zurück in New York sind und noch zur U-Bahn müssen, sind wir maulig. Vor allem ich. Vor mich hinschimpfend laufe ich durch die U-Bahn-Tunnel und steige in die rote Linie. Boah, bin ich fertig. Wir fallen todmüde in unsere Betten und erleben die erste und einzige Nacht, in der wir über 4 Stunden am Stück schlafen.

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