I need to talk about „We need to talk about Kevin“

Als ich von der Verfilmung „We need to talk about Kevin hörte“ war ich interessiert. Zum einen, weil Tilda Swinton mitspielt, die ich sehr schätze, zum anderen weil ich vor geraumer Zeit ein Buch über einen High School Amokläufer las, das mir sehr gefiel (19 Minuten von Jodie Picoult). Das Thema finde ich nach wie vor äußerst spannend. Dementsprechend wollte ich zum Vergleich das Buch von Lionel Shriver lesen, bevor ich den Film schaue. Nun habe ich die 468 Seiten hinter mir und bin mir nicht sicher, dass ich den Film durchhalte. Ich glaube, noch kein Buch zuvor hat mich DERART schockiert. Meine ersten Reaktionen:

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Das hat mich einfach so sehr mitgenommen. Die Geschichte von Eva Katchadourian und ihrem Mann Franklin, dem Sohn Kevin und der Tochter Celia. Kevin hat in seiner High School Menschen getötet. In Briefen an ihren Mann beschreibt Eva rückblickend, wie sie und Franklin ihre Familie gründeten. Die Entscheidung Mutter zu werden war für die erfolgreiche, abenteuerlustige und unabhängige Eva keine leichte. Von Anfang an stellt sie in den Briefen klar, dass sie trotz Mutterschaft nicht aufgeben will, auch weiterhin Eva  zu sein. Dass kann wohl jede Frau nachempfinden. Diese Verwirrung und auch Angst, dass man in eine bestimmte Mutterrolle gepresst wird. Wenn dann von allen Seiten so schöne Sprüche kommen „Wenn das Kind erstmal das ist, ist alles andere, was war, vergessen, jeder Schmerz bei der Geburt…“ oder „Da gewöhnst du dich dran, an das Geschrei, aber wenn dein Kind dich dann anlächelt…“. Ständig bekommt sie eingetrichert, wie sie sich als (werdende) Mutter zu fühlen hat. Und in ihrer perfektionistischen Art, will Eva alles richtig machen. Problem: Sie hat keine Bindung zu ihrem Sohn. Alles, was so „natürlich“ und „gegeben“ sein soll, findet in ihrer Mutter-Sohn-Beziehung nicht statt. Kevin will nicht an ihre Brust. Kevin schreit viel. Kevin ist abweisend. Kevin entwickelt sich zu einem zynischen, kalten und auch grausamen Teenager. Über viele kleine Episoden zeichnet Eva ein Bild eines gruseligen Psychopathen, der wie ein Fremdkörper in ihrem Haus lebt. Der Vater federt alle Hinweise Evas ab und nimmt den Jungen in Schutz vor Evas Anschuldigungen, da er Kevin bemitleidet, wegen seiner lieblosen Mutter und außerdem: „Jungs sind halt so“ (ein „Argument, bei dem es mir hochkommt). Natürlich ist das alles höchst einseitig, weil wir die Geschichte nur aus Evas Sicht sehen. Das einzige Mal, das wir eine andere Perspektive erhalten, ist zum Ende hin, als Eva einen Ausschnitt einer TV-Dokumentation über ihren Sohn wiedergibt. Und dort zeigt sich Kevin auch gleich ganz anders. Selbstgerecht und eisig, dass mir das Blut gefriert, aber sehr sensibel, wenn es um seine Mutter geht.

Eva stellt sich in den Briefen ständig selbst in Frage. Liebt(e) sie ihren Sohn? Hat sie ihn genug Liebe spüren lassen? Konnte sie das überhaupt? Hat sie sich genug um ihn gekümmert? War sie eine gute Mutter? Diese Frage steht über allem. Ich denke: Ja, das war und ist sie. Dieser Junge hat ihr alles genommen (die Beschreibung über die Tötungen an der Schule waren schon seeeeeeeeeehr schlimm, aber die Entdeckung Evas der Leichen ihrer Tochter und ihres Mannes haben mich fertig gemacht, mir ist immer noch, nach zwei Tagen, ganz schlecht, wirklich!!) und dennoch will sie ihrer Mutterpflicht gerecht werden und besucht Kevin regelmäßig  im Gefängnis.

In Evas Schilderung war Kevin von Anfang an „nicht normal“, geradezu bösartig. Ich habe mich gefragt, wieso sie ihren Sohn nicht in eine Therapie geschickt hat, oder gemeinsam mit ihm einen Therapeuten aufgesucht hat, der die beiden besser zusammen führt. Ich hatte bei der Lektüre das Gefühl, Kevin sei eine Art Ausgeburt der Hölle, das pure Böse. Alles was er macht, macht er laut seiner Mutter berechnend. Ständig ist er zynisch und maulig. Einen Kevin, der lacht und sich freut – den gibt es nicht. Das ist es, was mich so hilflos macht an diesem Buch. Wer ist Kevin? Was ist mit ihm los? Kann man „schlecht“ auf die Welt kommen? Also wirklich ein böser Mensch sein, von Kindesbeinen an? Ich kann das nicht glauben. Die Eltern haben kaum an einem Strang gezogen, konnten dies auch nicht. Beide waren in ihren Rollen (Eva argwöhnisch, Franklin kumpelhaft) so festgefahren, dass man den wahren Kevin einfach nicht entdecken konnte. Wie kann jemand soweit kommen, dass er andere Menschen hinrichtet? Dazu noch Menschen, die einen lieben? Dieses Buch hat mir wahnsinnig viel abverlangt. Ich habe zum Ende hin fast widerwillig die Seiten umgeblättert, weil ich befüchetete, was da kommt.

Wieso hat Kevin seine Mutter nicht umgebracht? Weil er ein „Publikum“ brauchte, sagt er. Ich finde, Kevin und Eva sind sich sehr ähnlich. Eva, mit ihren armenischen Wurzeln und ihrem Weltbürger-Charakter, zeigt sich oft überheblich und urteilt messerscharf über ihr Umfeld. Das tut Kevin auch, in schärfster Konsequenz. Ich denke, Kevin hat sehr um Evas Aufmerksamkeit gebuhlt. Mit den Mitteln, die er hatte. Er hat sie gepiesackt und provoziert. Wieso sie diese Schieflage nicht früh genug ausbalancieren konnten, macht mich wahnsinnig.

Am Ende legt Eva ihrem Sohn im Gefängnis ihre Hand auf die seine. Er lässt es zu. Kevin kann ihr keine Antwort geben, auf die ständig quälende Frage „Warum?“ Eva schließt damit, dass sie ihren Sohn liebe. Jetzt sagt sie es. Jetzt. Fühlt sie es jetzt das erste Mal? Nachdem ihr sonst kaum noch etwas bleibt? Nachdem Kevin seine eigene Ratlosigkeit eingesteht?

Nun habe ich mit „We need to talk about Kevin“ ein weiteres Buch in meiner Sammlung, das mich sehr aufgefühlt und irgendwie auch verletzt hat. Aber auch zum nachdenken anregte. Ich musste mich in den letzten Tagen regelrecht dazu zwingen, mir klar zu machen, dass dies eine fiktionale Geschichte ist, so nah ging mir das. Aber die vielen Verweise des Buches auf andere Amokläufer (bspw. Columbine) bringen alles ein Stück weit in die Realität. Gruselig.

„Wieso liest du denn sowas?“ bin ich jetzt mehrmals gefragt worden, als ich über das Buch sprach (und man muss drüber sprechen!). Ja, soll ich denn statt dessen Rosamunde Pilcher lesen, oder was? So sehr mir dieses Buch auch weh getan hat. Es hat in mir viele Denkprozesse ausgelöst. Ich habe es verschlungen. Ich liebe es, werde es aber nie wieder anfassen.

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