„Also, das ist ein Pilz oder so“ – Finster-Dinner in Essen

Jott kommt zu Besuch aus dem Norden und dann gehen wir zusammen mit Ka immer gerne etwas essen. Diesmal haben wir uns zu einem Dinner im Dunkeln verabredet. Wir gehen ins Restaurant „Finster“ in Essen.

IMG_7881

Von derlei Angeboten hat man ja schon öfter gehört, wir haben das allerdings noch nie mitgemacht. Pünktlich um 20h schlagen wir dort auf und werden nett in Empfang genommen. Handys und Armbanduhren sowie Handtaschen bleiben aus dem Speiseraum verbannt. Dann werden wir durch eine kleine Schleuse in den Gastraum geführt und laufen, Hände auf den Schultern des Vordermanns, an den Tisch. Und es ist wirklich einfach ZAPPENDUSTER. Man sieht nirgendwo auch nur irgendein kleines bisschen Licht. Ist das komisch. Alles, was wir „sehen“ ist:

ich-sehe-schwarz

Wir brauchen ein wenig, um uns daran zu gewöhnen. Wir fühlen uns gehandicapt. Bevor der erste der drei bestellten Gänge (Jott und Kas vegetarisch, meines vegan) an unseren Tisch kommt, fragen wir uns, ob ein blinder Mensch schwarz „sieht“ oder, wenn von Geburt an blind, einfach nur „Nichts“, was für uns schwer vorstellbar ist. Aber wenn man noch nie Farben gesehen hat, weiß man ja auch nicht, was schwarz ist, oder? Was auffällt: es ist sehr laut mit den anderen Gästen. Oder kommt es uns nur so vor, weil wir unsere anderen Sinne etwas mehr bemühen müssen?

Mir fällt das umgehen mit Messer, Gabel, Teller und Gläsern leicht. Auch in der Düsternis. Man soll sich sein Getränk selbst in sein Glas füllen. Natürlich hält man dann den Finger ins Glas, um zu verhindern, dass man kleckert. Was mir zu Beginn weniger leicht fiel, war das Essen auf meine Gabel zu bekommen. Gerade beim Hauptgang habe ich alle Komponenten einzeln auf meine Gabel gepickt, oft auch erst nachdem ich mit den Fingern meiner linken Hand über den Teller „geflogen“ bin, um zu ertasten, wo denn was liegt. Da man vorher nicht weiß, was einem aufgetischt wird, ist das manchmal ein Aha-Erlebnis. Die Vorspeise bestand in meinem Fall aus Rucola-Salat, Cherry-Tomaten, Tofu und Nüssen. Jott hatte eine Möhrensuppe und Ka einen Salat mit gratiniertem Ziegenkäse. Nachdem die Teller vor uns standen ging es dann los.

Jott: „Also das schmeckt gut, ich weiß nicht genau, was es ist, aber es schmeckt mir.“

Ich möchte probieren und wir koordinieren uns ein bisschen, so dass ich mit meiner Gabel in ihren Suppenteller stechen kann. „Das sind Möhren. Lecker.“

Ka: „Also ich hab …oooh, Ziegenkäse…hmmm.“

Ich: „Oh, Nüsse. Prima!“

Das ist ganz spaßig. Zum Hauptgang kommt dann ein riesiger Teller, da ist viel drauf und wir brauchen ein bisschen, um alle Komponenten herauszufiltern.

Ich: „Hurra, Spinat. Und Blumenkohl. Noch mehr Blumenkohl. Das hier ist…uuuuah, das ist voll glibschig. Was issen das???? Schmeckt fies!“

Ka: „Blumenkohl. Hier ist irgendwas Frittiertes.“

Jott: „Gnocchi. Super.“

Ich: „Noch mehr Blumenkohl. Zuckerschoten. Ok. “

Ka: „Klöße. Also, auch Gnocchi mein‘ ich.“

Jott: „Auch so ein frittiertes Dingen…“

Ich: „Ich hätte auch gern eine Beilage. Kartoffel oder so…Oh, noch mehr Blumenkohl. Hier ist noch so ein Glibschdingen. Ka, magste mal probieren und mir sagen, was das ist?“

Ka: „Ok, gib‘ mir das in die Hand.“

Ich: „In die Hand??“

Ka: „Ja, wie soll ich das sonst finden?“

Ich gebe ihr das schwabbelige Zeug in die Hand und sie quiekt: „Uääääh, was ist das denn???“ Sie probiert. „Könnte ein Pilz, oder so etwas sein. Shitake oder so.“

Was immer es ist, ich verschmähe es und schiebe es an den Rand. Dann finde auch ich endlich meine Gnocchi. Hurra.

Der Hauptgang war also eine kleine Herausforderung. Der nette Kellner brachte uns anschließend das Dessert. Ich rieche an meinem Schälchen. „Erdbeeren!“

Jott: „Ich hab‘ Schokolade!“

Ich: „Welche Form hat die?“

Jott: „Wie?“

Ich: „Welche Form? Rund, eckig? Dann suche ich die in meinem Schälchen.“

Jott: „Ich habe kein Schälchen, ich habe einen Teller.“

Ich: „Oh. Ich habe eine Schale.“

Ka: Da ist eine Mousse oder so. Vanille? Joghurt. Irgendwie so etwas.“

Ich: „Ich habe nur Obst, wie gemein!“

Ka: „Ah, jetzt habe ich die Schoki auch gefunden.“

Ich: „Hrmpf.“

Jott: „Hier sind Blaubeeren.“

Ich: „Erdbeere, Apfel… Was ist das? Das ist lecker. Ka, probiere mal bitte (Ka muss immer probieren, weil sie alles isst, im Vergleich zu Jott).“

Ka: „Hmm, Physalis.“

Ich: „Ah, lecker. Schön säuerlich. Da ist noch was anderes rundes, schmeckt aber nicht so gut.“

Jott: „Blaubeeren.“

Das war alles ein großes Hallo. Nachdem wir brav aufgegessen haben, rufen wir den Kellner (so ins Dunkle zu rufen, ist komisch: Hallo, wir möchten gerne hinaus gebracht werden) und werden zurück in den Eingangsbereich gebracht. Dort erklärt uns noch ein netter Mensch hinter der Bar, was wir gerade gegessen haben. Beziehungsweise, erst sollen wir einmal berichten, dann klärt er uns auf. Wir haben alles richtig, bis auf das „Glibschige“. „Glibschig….“, er lacht. „Das war eine Aubergine.“ Aaaaaaah, schmeckt wirklich nicht besonders, mochte ich auch nie so wirklich.

Also, das war mal etwas anderes. Gerne hätten wir gewusst, wie der Raum, in dem wir gegessen haben, wirklich aussieht. Am schwierigsten fand ich es, wirklich die Gabel zu füllen, ohne dass man immer mit den Fingern vorher auf seinem Essen rumpatscht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s