„Privacy is theft“ – Dave Eggers: The Circle

circle

Willkommen zum Sequel von Orwells 1984. Dave Eggers 504 Seiten starkes Horrorszenario hat in mir Beklemmungen ausgelöst. Außerdem wollte ich so gern in das Buch hineinsteigen und der Protagonistin eine schallern. Oder sie einfach wachrütteln. Unglaublich!

Mae Holland startet ihren Job im Bereich der „Customer Experience“ beim angesagtesten und heißbegehrtesten Arbeitgeber der Welt: The Circle. Hier wird SOCIAL Media gelebt, gemacht, weiter entwickelt. Der Konzern ist ein Konglomerat aus Facebook, Google, Twitter, Apple und so ziemlichen allen Kommunikationsplattformen und Medien-/Computer- und Unterhaltungselektronikfirmen. Also ein solcher Gigant, dass es einem bei dem Gedanken an so eine monopolistische Firma eiskalt den Rücken hinunterläuft. Die Mitarbeiter in diesem exklusiven Arbeitsumfeld werden mit Benefits überschüttet: Sportangebote, Wohung, exzellente Gesundheitsversorgung, Partys, Konzerte – alles umsonst. „Wir wollen hier keine Roboter, sondern Menschen“ sagt ihr ein Vorgesetzter. Ein Satz, der mir immer wieder beim Lesen durch den Kopf geht, denn jeglicher „Benefit“ wird dadurch geschmälert, dass man sich mehr und mehr in die Fänge des Circle begeben muss. Immer tansparenter wird man als Teil des Kreises. Mae ist begeistert. Und sie ist eitel und narzisstisch, ständig giert sie nach Bestätigung. Kleine Fehler auf die man sie in ihrem Verhalten hinweist, und die für mich die sofortige Kündigung meinerseits nach sich gezogen hätten, spornen sie an, dem Circle immer mehr zu „dienen“. Alles, was sie macht, jegliche Kommunikation – alles muss bewertet, geteilt und kommentiert werden. „Sharing is caring“ und wer nicht teilt, hat etwas zu verbergen und das ist suspekt. Da stehen mir schon wieder die Nackenhaare zu Berge. Dass sie sich von Freunden und Familie außerhalb der Circle-Hemisphäre immer weiter entfernt realisiert sie nicht, vielmehr bemitleidet sie das Unverständnis auf deren Seite, die glorreichen Zukunftsmöglichkeiten zu erkennen.

Immer mehr wird das Private zum Allgemeingut, es gibt keinen Ort und keine Zeit mehr, die einem alleine gehört. Der Circle soll geschlossen werden, denn wie auf dem Buchcover zu sehen, das „c“ für Circle ist fast ein kompletter Kreis. Die vollständige Transparenz und die verpflichtende Partizipation sind das Ziel. Mae sieht darin ein Schritt in Richtung einer optimierten Gesellschaft. Wenn alle die ganze Zeit von allen gesehen werden können, kann man sich schließlich nicht mehr schlecht benehmen. Jegliches Unrecht würde im Keim erstickt werden. Aber es würde sich auch niemand mehr verhalten, wie er mag, sondern wie er vor anderen erscheinen will. Das ist eine solche verblendete Weltsicht, dass mich das beim lesen unglaublich wütend gemacht hat. Mehr und mehr wird die persönliche Freiheit beschnitten, wird Verhalten normiert und alle feiern darauf ab. Wie absolut gruselig. Natürlich gibt es Gegenstimmen, aber wie soll man sie hören, wenn sie diskreditiert und mundtot gemacht werden von einer überbordenen Masse?

Wieviel Information kann der Mensch verarbeiten? Mae beginnt mit einer Aufgabe und einem Monitor und hat am Ende neun Monitore und muss neben ihrer Arbeit auch noch ihre verschieden Online-Profile pflegen, sich austauschen, bewerten, kommentieren usw. Das verlangt die Firma, denn ihr Teilnehme-Ranking wird bewertet. Natürlich. Ich war schon bei der Lektüre total erschöpft und genervt. Wie kann jemand daran Vergnügen haben und das gut finden? Wie kann man für alle ständig sicht- und erreichbar sein wollen? Mae möchte, dass die Welt weiß, dass es sie gegeben hat, dass nach ihrem Tod etwas von ihr bleibt. Aber wie wichtig ist es einem in der Erinnerung von Menschen zu bleiben, von denen man nicht mal wusste, dass sie existieren? Und: Wer soll all die Informationen denn aufnehmen? Diese Reizüberflutung hat doch irgendwann den gegenteiligen Effekt: man blendet aus. Hoffentlich.

Ich habe das Buch gern gelesen, auch wenn es mein Blut in Wallung gebracht hat. Sind wir so weit entfernt von diesem Szenario? Dass unser Leben und unsere Entscheidungen zwischen on- und offline sich derart stark verbinden, dass es einem die Luft zum atmen nehmen kann? Ich hoffe doch! Was ich von mir preisgebe ist freiwillig und ich hoffe (vielleicht mit einer gewissen Naivität), dass damit kein Schindluder getrieben wird. Ich mache mich aber nicht transparent und erwarte das auch nicht von anderen. Von keiner Stelle, nirgendwo. Ich habe keinerlei Anrecht auf Informationen von anderen Menschen. Punktaus. Und: was ich an Informationen finde, schlucke ich nicht automatisch als Fakt. Eine gute Portio Skepsis ist gesund.

2 Gedanken zu “„Privacy is theft“ – Dave Eggers: The Circle

  1. Ich habe das Buch jetzt ne gefühlte Ewigkeit im Schrank stehen aber ich kam einfach nicht dazu es zu lesen. Nun, bald sind ja Semesterferien und dann ist auch mal Zeit für Bücher die nichts mit Wissenschaft zu tun haben. Dabei ist Social Media ein Thema, welches mich auch im Studium häufig beschäftigt (Big Data und so). Schindluder ist übrigens ein super tolles Wort und ich möchte es ab jetzt ganz fest in mein Vokabular einbinden.

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