The Imitation Game: Believe the Hype?

Mit Superlativen wird nicht gespart bei der Bewerbung des Films „The Imitation Game“: „The best british film of the year“ (The Independent), „A superb thriller“ (Empire), „An instant classic“ (Glamour)…Und die Besetzung ist ja gerade verstärkt auf Promotion Tour und gibt Interview über Interview. Der Hype und der Buzz sind ohrenbetäubend. Aber: ist das alles auch gerechtfertigt? Ich habe mir den Film am Wochenende anschauen können.

imitation_game

Warnung: Es folgen Spoiler!

The Imitation Game hat es am Eröffnungswochenende auf Platz zwei in der Box Office Rangliste gebracht, hinter Interstellar. Auch meine 14 Uhr Nachmittagsvorstellung (sonst ein Garant für geringe Auslastung) ist ziemlich gut besucht. Ich habe mir das Barbican Kino ausgesucht. Ein schönes Kino in einem hässlichen Bau (das ganze Barbican Zentrum ist, wie schon mal beschrieben das PURE GRAUEN in Beton!!). Die Sitze sind groß, rot und gemütlich und man hat viel Beinfreiheit.

barbican

Zum Film:

Der Mathematiker Alan Turing (Benedict Cumberbatch) wird 1939 Teil eines Kryptographen-Teams in Bletchley Park. Hier soll er deutsche Funksprüche entziffern, die mit der Codierungsmaschine „Enigma“ verschlüsselt wurden. Beinah ein Ding der Unmöglichkeit, gibt es doch 150 Millionen Millionen Millionen (ja, 18 Nullen!) Möglichkeiten. Turing entwickelt die Idee einer Maschine, die die Enigma-Maschine überlisten soll. Gemeinsam mit Hugh Alexander (Matthew Goode), John Cairncross (Allen Leech), Peter Hilton (Matthew Beard), sowie der von Turing rekrutierten Joan Clarke (Keira Knightley) arbeitet er an der Entwicklung, die Jahre in Anspruch nimmt. Immer unter der Aufsicht von Commander Alastair Denniston (Charles Cances) und Stewart Menzies (Mark Strong) vom MI6. 

Diese Filmhandlung wird verwoben mit kurzen Eindrücken aus Turings Jugendjahren wo er (als Junge: Alex Lawther) von seinen Mitschülern malträtiert wird und Freundschaft und Nähe nur bei Mitschüler Christopher findet. Ihm zollt Turing Tribut, indem er seine Maschine Chistopher tauft. Eine andere Handlungsebene entfaltet sich um die Geschichte des Detectives (Rory Kinnear), der sich auf die Spuren von Turings Geheimnissen macht, nachdem bei diesem eingebrochen wurde, Turing aber von weiteren polizeilichen Schritten absieht. Der Polizist wird misstrauisch und wittert in Turing einen Spion und forscht nach, dabei kommt heraus, dass Turing homosexuell ist. In den frühen 50er Jahren in Großbritannien ein Verbrechen. Turing wird verurteilt und um einer Gefängnisstrafe zu entgehen, entscheidet er sich für eine Östrogen-Therapie (=Kastration), um seine Neigungen zu unterbinden. Ein Jahr nach Beginn dieser Therapie nimmt sich Alan Turing das Leben.

Was für mich am Ende des Films übrig bleibt, ist der Eindruck eines recht konventionellen Biopics. Der eindeutige Gewinner für mich ist die Geschichte hinter dem Film. Damit meine ich nicht das Skript. Die Geschichte Alan Turings ist es wert erzählt zu werden! Er hat Großes geleistet und wurde geschmäht und geschasst. Man hat ihm physisches und psychisches Leid zugefügt, das ist gräßlich. Allein deswegen ist der Film aller Ehren wert, auch wenn er für mich sonst einfach „nur“ ein guter Film ist. Ich kann mich in die knietief in devoten Betörungen watenden Lobeshymnen nicht ganz einreihen. Der Film ist ein Lobgesang auf das „anders sein“, wie auch Regisseur Morten Tyldum nicht müde wird zu betonen. Ja, auch das ist eine gute Absicht. Allerdings wird diese Botschaft mit dem super-bedeutungsschwangeren und, für mich, super-kitschigen Satz „Sometimes it’s the people who no one imagines anything of who do the things that no one can imagine“ mit dem Holzhammer entgegen gehauen. Der Satz fällt dann im Film auch drei oder viermal. Ehrlich gesagt: Das hat mich genervt. Ebenso wie die Kriegsaufnahmen, sie wirkten so retrostylish (mich erinnerten die Bilder an „Skycaptain and the world of tomorrow„). Ich finde auch den Kniff des „Märchenonkelerzählers“ aus dem Off selten wirklich glücklich, eher unoriginell. 

Ich hätte mich über mehr Hintergrund gefreut, denke ich. Nicht nur, dass einem nicht klar wird, was Turing da an technischem Wunderwerk ins Leben gerufen hat (OK, im Publikum sitzen meist keine Mathematiker dieses Kalibers),auch bleibt einem die Figur Turings seltsam fremd. In diesem Atemzug gab es ja die Kritik, dass Turings Homosexualität im Film nicht deutlich genug wird. Dagegen haben sich Regisseur und Darsteller gewehrt, es würde zwar nicht gezeigt, aber doch deutlich angesprochen. Hm…finde ich nicht. Also explizite Liebesszenen brauche ich auch nicht, um Homosexualität zu verstehen. Aber außer, dass Turing sagt, er könne Joan „not in that way“ lieben und der kurzen Szene, die zum Verhör Turings führt , wo herauskommt, dass Turing Männer für Sex bezahlt hat, wird das Thema großzügig umschifft. Auch die zarten Bande, die Turing mit Christopher im Internat knüpft bleiben vage und ich habe mich gefragt, wieso diese Episode, diese Begegnung, Turings weiteres Leben so bestimmt hat. Wohl, weil Christopher der einzige Mensch war, der Turing verstanden hat und ihm zu verstehen gegeben hat, dass er so wie er ist, in Ordnung ist (nämlich „an odd duck“). Dennoch: Irgendwie hat mir da etwas gefehlt.

Die Schauspieler fand ich allesamt gut, auch wenn ich Cumberbatchs Schnutenzieherei manchmal etwas over the top fand. Das ist ja sonst eher das Spezialgebiet von Keira Knightley, die mich ausnahmsweise mal nicht genervt hat, das will schon etwas heißen. 🙂 Für mich aber die absoluten Darstellerhighlights sind neben den alten Superhasen Charles Dance (großartig) und Mark Strong (immer gut!) die beiden Jungstars Alex Lawther als junger Alan Turing und Matthew Beard als Peter Hilton. Gerade Letzterer hat mich im Kino zu Tränen gerührt, wenn er um das Leben seines Bruders fleht. *schniiiief* Dies ist auch eine meiner Lieblingsszenen. Bedrückend und schwer erträglich.

Andere fantastische Szenen, die für mich herausstechen:

Der junge Alan Turing wird von seinen widerwärtigen Mitschülern „eingesargt“. Ich konnte kaum hinschauen. Was für ein Horror!!!

Alan Turing erzählt einen Witz (so schlecht, das ist schon wieder hinreißend komisch!).

Das komplette Ende. Wo wir sehen, wie Turing körperlich abgebaut hat, wo wir merken, wie sehr er an Christopher hängt (Maschine = Arbeit und geistige Arbeit, sowie Original Christopher). Seine Tränen und seine zitternden Hände – das tut wirklich weh, ihn so zu sehen. Das ist einfach herzzerreißend und wirklich ganz famos gespielt von Cumberbatch (mein Herz!).

Was ich allerdings bedenklich finde, ist diese Kriegsheldverehrung. Heldentum ist etwas, das mir sowieso fremd ist. Ich will die Verdienste Turings nicht abtun oder schmälern, aber wenn dann zum Ende des Films behauptet wird: „Stalingrad? The Ardennes? Normandy? We were there. None of those victories would have been possible without the intelligence we produced.“ grummelt es mir im Magen. Auch wird gesagt, dass Turings Entwicklung den Krieg um zwei Jahre verkürzt und ca. 14 Millionen Leben gerettet habe (wenn ich das richtig erinnere). Bisschen monokausal, oder? Das ist nur einer von vielen Gründen, wieso es zur Kapitulation Deutschlands führen musste. Das hat bei mir ein ungutes Gefühl hinterlassen. Ich bin bei Heldenverehrung wie gesagt SEHR zurückhaltend.

Fazit: Ein gutes Stück Schauspielkino mit einer interessanten Geschichte recht konventionell erzählt.

 

4 Gedanken zu “The Imitation Game: Believe the Hype?

  1. Danke für die Eindrücke zum Film. Ich bin auch schon sehr gespannt, aber hier in Deutschland dauert es ja leider mal wieder etwas länger bis wir den Film zu sehen bekommen :-/

  2. So, habe den Film heute gesehen und muss sagen, dass ich sowohl manche deiner Kritikpunkte als auch die Highlights im Film teile. Die Szene zwischen Alan und Joan am Schluss ist wirklich herzzerreißend. Oh, wie ich Zeiten und Orte und Menschen verabscheue, die Homosexualität als Verbrechen, Sünde, Abartigkeit, etc., verurteilen. Ich entwickle da jedes Mal so eine Wut und so eine Trauer gleichzeitig. Aber auch ich hätte mir da mehr Hintergrund gewünscht, auch wenn ich es irgendwie auch gut fand, dass es keine kitschige „Liebesgeschichte“ gab.

    Mir haben alle Schauspieler ausnehmend gut gefallen, vor allem weil es auch einfach alles fantastische britische Schauspieler sind, wovon ich drei schon auf der Bühne (wenngleich nicht live) gesehen habe, Mark Strong sehen wir ja in vier Wochen, Allen Leech ist mein Liebling aus „Downton Abbey“ und Charles Dance ist eh klasse. Keira Knightley nervt zwar nicht, die Nominierung als beste Nebendarstellerin finde ich allerdings übertrieben. Cumberbatch war insgesamt schon super, aber irgendwie war er für mich manchmal wie eine Mischung aus Sherlock und Frankensteins Creature… Ich habe schon andere Filme mit ihm gesehen („Parade’s End“, „Third Star“ z. B.), wo ich überhaupt keine Überschneidungen mit anderen Rollen/Darstellungen sah.

    Aber es folgt bei mir eh noch eine ausführliche Kritik, zu der ich hoffentlich am Wochenende komme…

  3. Und es ist ja jetzt keine großartige Frauenrolle, die Knightley da spielt. Joan Clarkes Rolle ist eine ziemlich untergeordnete. Bei den Männern mitarbeiten darf sie nicht und was ihre Rolle ist, ist mir nicht wirklich klar geworden. Außer dass sie Publikum für Turing und sein Genie ist.

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