Reisebericht Krakau Teil 2: Ausflug nach Auschwitz

Hm, an diesem Thema ist alles schwierig. Alles. Im Reisebüro sitzen und stammeln „Ich würd‘ ja schon auch gern nach Auschwitz, so blöd das klingt.“ Der Anbietername ‚Auschwitz-Tours‘. Das Gefühl des Elendstourismus. Alles hat einen blöden Beigeschmack.

Bei der Verabschiedung nach Weihnachten wünscht meine Schwester M. meiner anderen Schwester M. und mir jeweils schöne Reisen. Wohin es ginge, fragt ihr Freund. „Ach, die eine fährt in die Oase [in den Oman], die andere ins KZ.“ Wie das klingt.

Ich denke die ganze Zeit an den Filmtitel „Am Ende kommen Touristen„, wo es um die Erfahrungen um einen Zivi in Auschwitz geht.

Ich habe den Besuch über getyourguide.de gebucht. Das war auch alles ganz prima und einfach und der Support hierüber war auch gut. Am Abend vorher noch einmal ein Anruf, dass sich die Abfahrt etwas verzögert. Alles gut. In einem Kleinbus fahren wir circa 40 Minuten vom Krakauer Zentrum nach Auschwitz, wo das totale Chaos herrscht. Der Fahrer lud einen vor dem Eingang ab und sagte, nach dem Besuch in Auschwitz würde man mit dem Bus nach Birkenau fahren und dort hole er einen wieder ab. Dann wird man in eine Menschenmenge geschubst und fühlt sich total verloren. Ich bekomme einen gelben kleinen Aufkleber an meinen Mantel gepappt, der mich als deutsche Besucherin ausweist. Dann werde ich in einer riesigen Menschenmasse in das Eingangsgebäude getrieben, wo wir Kopfhörer bekommen. Das ist alles super unübersichtlich. Dann ist man auf dem Gelände und soll dort nach einer deutschen Gruppe für eine Führung Ausschau halten. Engländer, Franzosen, Italiener, Spanier – alles da, aber nichts deutsches. Wohin ich auch schaue, ich kann keine deutsche Gruppe finden. Wohl aber vereinzelte Deutsche, die auch wie kopflose Hühner verwundert, verwirrt durch die Gegend laufen. Als wir einfach weiter gehen in Richtung des berühmten „Arbeit macht frei“-Tores treffen wir dann auf die deutsche Führung. Eine riesige Gruppe.

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, dieses Tor zu durchschreiten. Wie gesagt, alles an diesem Ausflug ist merkwürdig. Ein Wechselbad der Gefühle. Beim Besuch durch das Stammlager I werden wir durch Ausstellungsräume geschleust. Und es gab mehrere Momente, wo ich dachte, dass mich ein Heulkrampf der Verzweiflung überkommt.

Der erste war, als ich bergeweise Haare in einem Raum sehe. Das hat alles auf einmal sehr greifbar gemacht. Das hat mir die menschlichen Opfer sehr nahe gebracht, das fand ich unerwartet heftig. Ebenso wie die Berge an Schuhe, Prothesen oder Töpfe, die gezeigt werden. Aber diese Haare – das war schlimm. Außerdem die Zyklon B Dosen auf denen noch das Wort „Schädlingsbekämpfungsmittel“ zu lesen ist. Das riesige Modell der Krematorien. Die Vorher-Nachher-Informationen zu den Häftlingen, die überlebt haben (vorher bspw. wog eine Frau 65 kg, hinterher 23(!!) kg. Das Klassifizierungssystem der Nazis (der rosa Winkel für Homosexuelle, das rote Dreieck für politische Häftlinge etc. pp), dieses bürokratisch-nüchterne, kalkulierende System lässt einem das Blut in den Adern gefrieren.

Zyklon B

 

Bergeweise Haare

Klassifizierungssystem
Klassifizierungssystem

Zum Zweiten gab es in dem Gebäude, wo zu Gericht gesessen wurde, einen Raum mit Stehzellen. Das sind halbhochgemauerte 90 x 90cm kleine Zellen, in denen man, durch eine winzige Tür im unteren Teil kriechend um hineinzugelangen, stehend die Nacht verbringen musste. Mitunter zu viert. Wie grauenhaft. Das hat mich sehr schockiert, dort zu stehen, wo diese Folterungen passiert sind. Die vielen Demütigungen, Gräuel und Schrecken treiben einen wirklich zur Verzweiflung, wie weit der Mensch gehen kann. Vor diesem Gebäude ist ein Schild mit einem Totenkopf auf dem „Halt“ steht und der hintere Bereich des Lagers ist abgezäunt durch Stacheldraht. Ein russisches älteres Pärchen findet es eine prima Idee sich hier einmal fröhlich strahlend fotografieren zu lassen: „Schaut mal, wir sind in Auschwitz, hahahahaha.“ Das fand ich hochgradig widerlich. Ich hätte es auf jeden Fall abgelehnt die beiden abzulichten. Geschmacklos.

Ein weiterer Schlag in die Magengrube kommt, nachdem wir den Galgen sehen, an dem aufständische Häftlinge aufgeknüpft wurden, oder auch den Galgen an dem man Lagerkommandant Höß aufgehängt hat. Denn direkt daneben befindet sich ein noch erhaltenes Krematorium (damit hat sich der Wunsch eines Teilnehmers erfüllt „Mensch, hoffentlich sehen wir noch die Krematorien!“). Dann steht man da in dem Raum, wo sich entkleidet werden musste. Dann sieht man die Öfen. Da wird auch wie irre fotografiert. Das geht mir irgendwie zu weit. Mir ist da drin wirklich schlecht.

Galgen für Rudolf Höß
Galgen für Rudolf Höß
Krematorium
Krematorium

Der vierte Moment, der mich sehr bewegt hat, kommt dann nachdem wir uns in einen Linienbus nach Birkenau gequetscht haben. Die Größe des Lagers Birkenau ist unglaublich.

Birkenau
Birkenau
Reste der Baracken

Was für eine gigantische Anlage (140 ha!!). Nur, um zu töten. Das ist grauenhaft. Hatten wir in der Ausstellung noch Bilder von der „Rampe“ gesehen, wo die Züge mit den Menschen ankamen, stehen wir jetzt an eben dieser Stelle.

Die "Rampe"
Die „Rampe“
Rampe
Rampe

Da wo ich nun stehe, in warmen Stiefeln und mit dem Bewusstsein nachher wieder ins warme Hotel zu fahren, sind hier ausgemergelte, geschundene Menschen angekommen, deren Lebenserwartung ab hier noch durchschnittlich neun Monate betrug. Diese Vorstellung macht mich ganz beklommen. Und meine Blicke in die Weite des Areals verstärken dieses Gefühl noch. Dieses perfide, ebenso perfekte wie auch kranke System hat funktioniert. Das ist ein Wahnsinn, der mich einfach fertig macht. Als wir in eine der noch erhaltenen Baracken gehen, meckert eine Frau „Mensch, hier ist das aber dunkel, da hätten die doch wenigstens mal ein Licht anbringen können. Außerdem ist das voll kalt!“ Es ist eine Originalbaracke. Die Holzlagerbetten, der viele Stein, die Dunkelheit und die Kälte: was für eine Unterkunft. Kein Wunder, dass viele in der Nacht erfroren sind. Wieder: du gehst durch die Räume und stellst dir vor, dass hier hunderte von Menschen lagen, husteten, sprachen, weinten, hofften, atmeten, litten – wie beklemmend!

Die Krematorien in Birkenau wurden zerstört, um Spuren zu verwischen. Die Fundamente sind allerdings noch sichtbar. Widerlich: nebenbei gab es sogenannte Aschegruben, wo die viele Asche in Wasser gekippt wurde.

Reste eines Krematoriums in Birkenau
Reste eines Krematoriums in Birkenau

Am Ende des Lagers ist ein großes Mahnmal.

Wieder im Auto auf dem Weg nach Krakau ist es sehr leise im Fahrzeug und der Fahrer macht Entspannungsmusik mit Vogelgezwitscher an.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

4 Gedanken zu “Reisebericht Krakau Teil 2: Ausflug nach Auschwitz

  1. Dein Bericht ist mir gerade beim Lesen sehr unter die Haut gegangen und ich kann nur erahnen wie das Gefühl vor Ort gewesen sein muss…
    Danke, daß Du Deine Erfahrungen als Besucher in Auschwitz niedergeschrieben hast!

  2. Sehr bewegender Bericht, der mir die Tränen in die Augen getrieben hat, allein durch deine Worte und die Bilder. Ich weiß gar nicht, wie ich es vor Ort dort aushalten könnte… 😦
    Wahrscheinlich hätten mich aber die Kommentare und das Verhalten der anderen Touristen so genervt, dass ich das gar nicht mehr so an mich rankommen hätte lassen können…
    Danke für diesen sehr persönlichen Bericht!

  3. Danke für den ausführlichen Bericht und die beeindruckenden Bilder. Ich war vor Jahren im Museum in London mit ausführlichen Dokumentationen und Original-Filmen zu den Konzentrationslagern. Ich war tagelang geschockt, frustriert, entsetzt und habe die Bilder heute noch vor Augen. Wie „schrecklich“ intensiv muss es erst vor Ort sein und das alles vor sich zu sehen!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s