Gesehen: The Eichmann-Show (BBC 2)

The Eichmann Show

Am 27. Januar vor 70 Jahren wurde Auschwitz befreit. Die Eindrücke meines Besuches vor Ort wirken noch nach. Nicht nur deswegen war ich sehr interessiert an der BBC 2 Produktion „The Eichmann Show“ mit Anthony LaPaglia und Martin Freeman. Es geht um die öffentliche Gerichtsverhandlung gegen Adolf Eichmann in Jerusalem.

Der TV Produzent Milton Fruchtman (Martin Freeman) engagiert den amerikanischen Dokumentarfilmer Leo Hurwitz (LaPaglia), um den Prozess auf Film festzuhalten. Es geht um Inszenierung: Wie positioniert man die Kameras und vor allem wie macht man diese unsichtbar im Prozesssaal? Wann hält man die Kamera auf Angeklagten, Richter oder Verteidger? Wann braucht es Nahaufnahmen? Vor der Verhandlung sagt Hurwitz, dass Eichmann ein „normaler“ Mensch ist. Menschen seien keine Monster, sondern eher zu monströsem fähig. Eine Aussage, die beim Filmteam nicht gut aufgenommen wird. Dem stimme ich allerdings zu. Es ist wie es Prozessbeobachterin und Autorin Hannah Arendt sehr klar und präzise ausdrückte die „Banalität des Bösen“, die einem gegenübersitzt in diesem Gerichtssaal. Vor Angriffen geschützt sitzt Eichmann hinter Glas und verzieht größtenteils keine Miene. „Halt auf Eichmann!“, ruft Hurwitz seinen Kollegen das ein oder andere Mal zu. Er wartet auf etwas, auf menschliche Regung. Auf Reue? Zugeständnis? Der Prozess läuft schleppend an und bevor die Zeitzeugen ihre Aussagen machen, schwindet das Interesse und auch die Presse nimmt weniger Anteil als Fruchtman sich das für sein Programm wünscht. Erneut: Zynisch. Und dieser Zynismus geht noch weiter: Als ein Mann während seiner Schilderung von Gräueltaten zusammenbricht hatte Hurwitz die Kamera auf Eichmann gelenkt, nicht auf den Zeugen. Fruchtman ist sauer. Es ist also wirklich eine Show, keine neutrale Dokumentation für ihn?

Adolf Eichmann während des Prozesses Quelle: zeitgeschichte-online.de

Es gibt im Film nur wenige Spielszenen mit Eichmann, vielmehr wird auf authentisches Archivmaterial der Fruchtmanproduktion zurückgegriffen. Diese Zeugenaussagen gehen einem derart an die Nieren, dass ich mich frage, wie man es aushalten kann, den kompletten Prozess zu verfolgen. Als ein Mann erzählt, dass er Leichen aus Waggons holen musste und auf einmal die leblosen Körper seiner Frau und seiner zwei Kinder in den Armen hatte, werde ich fast wahnsinnig. Wie wird man denn mit so etwas fertig?? Der Film wird dann zum Ende noch unerwartet heftiger. Adolf Eichmann muss sich Filmmaterial über Auschwitz anschauen. Und was wir da ausschnittsweise zu sehen bekommen, hat mir einen Heulkrampf verschafft. Leichenberge, die mit Baggern fortgeschaufelt werden, ausgemerglte Menschen, die kaum noch gehen können. Kinder auf dem Weg in die Gaskammer. Irgendwelche medizinischen Experimente. Ich kann das kaum ertragen. Das ganze wurde dann LEIDER noch mit dramatischer, elegischer Musik untermauert. Das hätte es nicht gebraucht!

Nebenhandlungen gibt es kaum. Am Rande werden die Familien der Protagonisten Fruchtman und Hurwitz gezeigt. Ersterer wird bedroht und ein Anschlag auf ihn kann gerade noch vereitelt werden. Hurwitz kniet sich wie ein Besessener in seinen „Film“. Als Frau und Sohn ihn besuchen kommen und der Verhandlung lauschen, ist sie bestürzt und nimmt den Sohn mit nach Griechenland, weil sie ihm das nicht zumuten möchte, was vor Gericht zu Tage kommt. Dass es überhaupt zutage kommt, einem Publikum zugänglich gemacht wird, daran teilzuhaben, ist für die jüdischen Überlebenden sehr wichtig. So heißt es im Film: „Als wir erzählten, was uns widerfahren ist, wurde uns nicht geglaubt. Sie sagten, das hätten wir uns ausgedacht.Wenn ich mir so was ausdenken könnte, wäre ich in Hollywood. Jetzt hört man zu!“

Ich mag es, wenn man durch einen kleinen Griff ein vermeintlich nur allzu bekanntes Thema neu beleuchtet. Durch die Darstellung des Teams hinter den bewegten Bildern zum Eichmann-Prozess wendet man sich dem Thema von einer anderen Seite kommend zu. Das öffnet einem manchmal die Augen. Die „Eichmann Show“ ist ein guter Film mit einem guten Ensemble. Auch wenn die Schauspieler als auch ihre Rollen hinter der Geschichte zurücktreten. Natürlich braucht man gute Darsteller, die ihre Charaktere gut „verkaufen“ können, aber was im Kopf bleibt sind die Originalaufnahmen von Eichmann und den Überlebenden.

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