Ruhrfestspiele: Antigone mit Juliette Binoche – Wenn der Kampf, die Augen offen zu halten interessanter ist als das Stück

Ich beginne mit einem Seuftzer: *seuftz*. Ich habe mich auf Juliette Binoche gefreut. Sie hat Ausstrahlung, sie hat Talent (Ich sag‘ nur: „Verhängnis“) und ich darf sie live auf der Theaterbühne sehen – cool. So dachte ich. Zu früh gefreut. Gute 90 Minuten im Ruhrfestspielhaus in Recklinghausen haben sehr an meinen Geduldsfäden gezerrt. Und ich habe mich mehr darauf konzentrieren müssen, meine Augen offen zu halten, als dem Spiel auf der Bühne zu folgen. Wirklich schade. Antigone ist jetzt nicht besonders seichte Kost und gerade, wenn man die Geschichte nicht mehr komplett im Kopf hat, muss man aufpassen. Das hat mir viel abverlangt.

(c) BBC
(c) BBC

Eine Kurzzusammenfassung (von www.abipur.de):

Antigone ist eines der vier Kinder von Ödipus und Iokaste. Die beiden Brüder, Polyneikos und Eteokles töten sich gegenseitig im Streit um den Thron in Theben. Kreon, der Onkel, also der Bruder von Iokaste, wird der neue König. Er lässt den Leichnam von Eteokles begraben, aber den anderen Bruder, Polyneikos verweigert er dagegen das Begräbnis, weil er gegen die Stadt Theben gekämpft hat und daher ein Verräter ist. Antigone beschließt heimlich ihren Bruder zu bestatten. Als Kreon dies erfährt, lässt er Antigone zur Strafe lebendig einmauern.

Der König will auch Ismene, die Schwester von Antigone bestrafen, weil sie von dem Plan von Antigone gewusst hat, dies lässt aber die Antigone nicht zu, sie nimmt die Schule auf sich. Ein Seher und ein Bote überreden Kreon die Antigone zu befreien und Plyneikos zu bestatten, doch es ist zu spät, Antigone ist schon tot. Haimon, der Sohn von Kreon, sowohl aber auch der Verlobte von Antigone, beging aus Kummer über ihren Tod Selbstmord. Eurydike, die Gemahlin von Kreon tötet sich ebenfalls. (Kreon regiert noch weiter in Theben.)

Eigentlich eine wirklich interessante Geschichte. Antigone kann man als Rebellin (ziviler Ungehorsam aus moralischem Pflichtverständnis…) verstehen und dennoch nimmt ihr in der Inszenierung von Ivo van Hove (seine Regie bei A View from the Bridge gefiel mir deutlich besser) ihr männlicher Gegenspieler (Patrick O’Kane als Kreon) so ziemlich die Butter vom Brot, sehr schade! Und der kleine Cast spielte mehrere Rollen, so dass ich manchmal schon verwirrt war, wer denn da jetzt spricht. Und immer wieder musste ich auch in die Übertitel schauen, weil ich Namen nicht verstanden habe. Das plätscherte alles so vor sich hin und ich habe nicht einmal das Gefühl gehabt, das Schicksal der Figuren könnte mich emotional berühren. Mir war das alles schnell egal. Fatal! Wenn die Darsteller erbost ihre Stimmen erhoben, hat mich das kurz aus meiner Dämmerung geholt, aber in diese bin ich auch schnell zurückgesunken.

Es war übrigens auch nicht gerade von Vorteil, dass ein Teil des reduzierten Bühnenbildes aus einer großen Sonne (oder auch Mond) bestand, in welche der Zuschauer blinzeln durfte. Das hat mich wirklich gestört. Die Idee fand ich gut, zumal im Hintergrund auch noch Bilder einer Wüstenlandschaft zu sehen waren und man nachvollziehen konnte, dass ein Leichnam unter diesen Konditionen schnell unansehnlich verwest. Dennoch – das daraus resultierende Geblinzel hätte ich mir gern erspart. Und um mich vollends zu verwirren wird das ganze Stück zum Ende noch derart ad hoc in die Gegenwart gehoben, dass ich überhaupt nicht mehr wusste, wie mir geschieht. Auf einmal sitzen die Darsteller an Bürotischen und gehen ihrer Arbeit nach. Im Hintergrund sieht man Menschen in einer Großstadt. Und das….weil? Nein, das war kein gelungener Theaterabend. Schade.

Ich hatte im Kopf, dass die Kritiken ganz gut waren, aber als ich gerade noch mal gesuchmaschint habe, finde ich z.B. eine niederschmetternde Kritik des Telegraph (2 von 5 Sternen). Der Rezensent Dominic Cavendish teilt meine Meinung: „Poor Juliette Binoche. When is this rightly adored international cinema star going to find a means of showing herself to her best advantage on the London stage?“

Auch der Guardian, die Independent, What’s on stage oder der Evening Standard bewerten die Inszenierung nur als mittelmäßig.

Schade.

2 Gedanken zu “Ruhrfestspiele: Antigone mit Juliette Binoche – Wenn der Kampf, die Augen offen zu halten interessanter ist als das Stück

  1. Genau diese Kritiken habe ich dann auch noch gefunden – und fand mich in meiner Meinung bestätigt. Trotzdem haben sie das Stück ja auf BBC gezeigt – da hätten sie aber wirklich bessere Stück auswählen können! :-/

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