Gesehen: Benedict Cumberbatch als Hamlet im Barbican. Review: Zu pomp – zu schad‘

Ich habe Lyndsey Turners Hamlet-Produktion zweimal gesehen. Einmal vor der „offiziellen“ Eröffnung am 22. August und einmal danach, am 28. August. Ein kurzes Fazit vorweg: Ich bin nicht allzu begeistert.

Meine Kritik beinhaltet Spoiler, wer sich Hamlet noch anschauen wird, ob im Kino oder im Barbican, bitte runterscrollen.

Ich bin froh, dass ich die Möglichkeit eines Hamlet Meet-ups wahrgenommen habe. Zusammen mit ca. 20 anderen saß ich an der Southbank und habe mich dann ein wenig in das Stück einführen lassen. Das war toll. Danke Maria!

hamlet southbank

Und zeitlich hat es auch super geklappt. Direkt danach eile ich zum Barbican und hole meine Tickets ab. Woohoo. Kaum zu glauben, aber es sitzen draußen schon die ersten Menschen an der Stage Door. stage door

Nachdem wir mehrmals darauf hingewiesen werden, dass Film & Foto absolut verboten sind, geht es hinein in den Theatersaal. Whoa, ist der riesig.

barbican theater

Ich sitze einmal in Reihe 7 und einmal in Reihe 3. Nicht schlecht! 🙂

Meine Kritik

Das Stück beginnt mit einem einsamen Hamlet, der einer Platte lauscht: Nat King Coles „Nature Boy“. Die Bühne hinter ihm ist noch nicht zu erahnen, da sie von einem Vorhang verdeckt wird. Und als sich dieser dann lüftet, verschlägt es mir die Sprache. Unfassbar die Ausmaße und Detailverliebtheit des Sets. Es ist wirklich grandios. Und es nimmt dem Stück einfach die Aufmerksamkeit und ist daher etwas kontraproduktiv. Es verschlingt seine Schauspieler mitunter. Weil es mir einfacher fällt, fasse ich meine Kritik in einer Aufzählung zusammen:

  • Cumberbatch ist ein unfassbares Talent. Er war großartig und der einzige bei dessen Monologen ich in Gedanken nicht abgedriftet bin. Wenn er sich dem Wahnsinn dahin gibt, hat er die Lacher auf seiner Seite, nur um darauf an sich selbst zu zweifeln („to be or not to be“). Diese Balance meistert er mit Bravour. Und er ist so sportlich. Er rennt über die Bühne, sprintet die Treppen hinab, springt auf Tische, tanzt…Respekt! Er schreit, weint, zweifelt…er zeigt, was er kann und das ist eine verdammte Menge!

hamlet toy castle

hamlet full body

  • Ciaran Hinds ist eine Enttäuschung für mich. Sein Claudius ist so blass. Weder machtgetrieben noch bedrohlich kommt er daher. Und das ist fatal, weil so Hamlets Motivationen ins Leere laufen. Großartig sieht es allerdings aus, wenn Hinds dem Publikum den Rücken zuwendet zum Ende der ersten Hälfte und das ganze Set in einem schwarzen Konfettisturm und -chaos versinkt.

ciaran

  • Ebenfalls enttäuschend ist Sian Brooke als Ophelia. Ophelia wird hier gezeigt wie eine von der Welt weggesperrte 10jährige Klosterschülerin, der man ein Erotikmagazin vors Gesicht hält und sie nun verstört, verängstigt, umherstolpert. Ich fand ihr wackliges Stimmchen nervig und es gibt absolut NULL Chemie zwischen ihr und Cumberbatch. Sie macht auch keine nennenswerte Charakterentwicklung durch. Nach der Pause, in der zweiten Hälfte,  ist sie dann so verstört, dass sie sich das Leben nimmt. Aber sie war vorher schon so. Ihr Tod wird allerdings beeindruckend inszeniert.

  • Einer meiner Hauptkritikpunkte: Die Geschichte wird mit mehr oder weniger gelungen Regieeinfällen und Setdesigns so überladen, bzw. gestört, dass einem das Schicksal der Personen auf der Bühne ziemlich egal ist. Man wird emotional nicht mitgenommen.
  • Ich habe die Kostümierung auch nicht verstanden. Mal sind wir da in den 70ern, mal in unbestimmter Vergangenheit (Hofstaat- oder Militärkostüme), mal in der Gegenwart. Auch wieder etwas was unglaublich ablenkt, weil man sich fragt was das soll und in welcher Zeit wir uns befinden und warum manch einer aussieht wie ein Student, den man gestern noch gesehen hat, während andere aussehen wie aus ’ner 70er Jahre TV-Show.
  • Der erste Teil geht über ca. 90 Minuten und dann kommt der kürzere zweite Teil, in dem eigentlich nur noch gestorben wird.
  • Bei den Sterbeszenen wird getanzt. Dieses „Todesballet“ hat mich irritiert.
  • Die „slow motion“ Szenen, während Hamlets Introspektiven – kann man machen. Hätte ich jetzt so auch nicht gebraucht. Das ist eher etwas, was wieder ablenkt. Während an einer Stelle die Schauspieler Monologe/ Dialoge zum Besten geben, wird an anderer Stelle mit dem Set interagiert. Da macht jemand die Kerzen aus (und das so ausgiebig, als wäre das ganz wichtig und man hört den Schauspielern nicht zu, sondern schaut was der Statist da macht), wird gefegt, geräumt…was auch immer.
  • Hamlets Tod hat mir auch nicht gefallen. Erst wird er von Laertes in den Rücken gestochen, dann kämpft Hamlet erstmal weiter bis ihm einfällt „I’m dying“.
  • Anastasia Hille als Gertrude war großartig. Die Szene zwischen ihr und Cumberbatch gehört zum Besten der ganzen Inszenierung.

hamlet gertrude

  • Kobna Holdbrook-Smith als Laertes hat mir gut gefallen.

hamlet laertes

  • Jim Norton als Polonius war sehr lustig.

Ein fantastischer Cumberbatch in einer holprigen Inszenierung, die die Geschichte in den Hintergrund rücken lässt, mit einem Cast, der sich nicht immer durchsetzen kann. Schade.

Stage Door

Wir haben unser Glück versucht und sind beide Male nach dem Stück zur Stage Door. Und hatten beide Male Glück. Beim ersten Mal war Cumberbatch besser drauf. Am 28. wirkte er auf der Bühne schon so müde (was mir nur auffällt, weil ich vergleichen kann, andere werden es sicherlich so nicht wahrgenommen haben, weil er sich so verausgabt und so beeindruckt) und an der Stage Door sah er auch sehr schlecht aus. Nach so einem Kraftakt dann noch auf die vielen Leute einzugehen, stelle ich mir auch schwer vor und ich kann verstehen, wenn er das bald einstellt.

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Ciaran Hinds ist sehr nett und fragt ein junges Mädchen, das ihm sagt, sie liebte die Vorstellung, ob sie es denn auch verstanden habe. Sie bejaht und er ist froh, denn dies sei „Shakespeare for a new generation“. Oh bitte nicht. Soll das die Intention sein? Eine Geschichte, die an ihren Schauwerten erstickt? Wo man versucht mehr Bilder als Text sprechen zu lassen? Och nö!

Sollte ich werten, wären es 3,5 von 5 Sternen.

10 Gedanken zu “Gesehen: Benedict Cumberbatch als Hamlet im Barbican. Review: Zu pomp – zu schad‘

  1. Hab mich jetzt nicht getraut, viel von deiner Kritik zu lesen, trotzdem danke für den Artikel! Finde es ja erfreulich, dass Benedict sich bisher tatsächlich, trotz anders lautender Gerüchte, die Zeit für Autogramme genommen hat (und auch andere). Ob er das am letzten Tag auch noch macht… Heute in zwei Monaten!

    Weiß nicht, ob du was zum Publikum geschrieben hast: gab es Ausfälle jeglicher Art unter den „Cumberbitches“?

    1. Absolut keine. Und: Es waren ebensoviele Männer wie Frauen im Publikum, das sollte man auch nicht unter den Tisch fallen lassen. Genau wie an der Stage Door. Da sind nicht nur Mädels unterwegs.

  2. Echt super Rezension, ich kann mich da einfach nur anschließen 🙂
    Habs auch am 28.8 gesehen und hab genau dieselben Erfahrungen machen können…
    Ich nehm mal an, dass wir uns auch beim Meet up gesehen haben?!

  3. Nachdem ich es jetzt gesten Abend auch gesehen habe kommentiere ich gerne. Dass die Bühne optisch eindrucksvoll war kann ich nur bestätigen. Durch die Kameraeinstellungen, die mir manchmal zu sehr gesichtsfixiert waren, hat es mich jedoch nicht von der Handlung auf der Kinoleinwand abgelenkt. Das ist im Theater ja völlig anders, da können die Augen ja immer wieder umherschweifen…..
    BC war super, er ist in der Rolle aufgegangen, manchmal blitzte für mich Sherlock durch 🙂 Beim König ging es mir wie Dir, ihn fand ich farblos und blass, schade! Aber Gertrude war der Hammer, wie sie da steht und Rotz und Wasser heult bei Ophelias Tod, ich frage mich wie die das immer so hinbekommen.
    Ophelia fand ich gar nicht so schlecht, wie sie über die Bühne irrt und mit dem Tod des Vaters nicht klarkommt fand ich eine beeindruckende Leistung. Allerdings keinerlei Chemie zwischen ihr und Hamlet, als er zum Schluss sagt „ich habe sie geliebt“ klingt das eher lächerlich.
    Die Kostüme fand ich auch sehr abwechslungsreich – wer weiss was sie sich dabei gedacht haben, hat mich aber nicht gestört!

    1. Mich hat Opehlias Stimme einfach wahnsinnig genervt.
      Von Anastasia Hille war ich wirklich beeindruckt – wie gesagt, das Spiel zwischen ihr und Cumberbatch ist das Beste an dem ganzen Stück (für mich). 🙂

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