Paris – Ein Dennoch-Reisebericht

Es begab sich, dass auf http://www.thalys.com eine Aktion gestartet wurde: Nach Paris und wieder zurück für nur 22€. Ein absolutes Superschnäppchen. Ich versuchte mein Glück, war erfolgreich und schon wenige Tage später sitze ich am 13.11.mit M. im Zug in Richtung französische Hauptstadt. Wir kommen morgens an und da wir noch nicht in unser eilig gebuchtes Hotel einchecken können um die Zeit, schultern wir unsere Rucksäcke und stiefeln durch die Stadt. Für M. ist es der erste, für mich der dritte Besuch hier. Schon am Bahnhof Gare du Nord sind wir begeistert.

gare du nord

gare du nord

Wir werden empfangen von vielen Cafés und von Sonnenschein. Wir laufen hinunter an die Seine. Das Wetter macht zu diesem Zeitpunkt leider ein wenig schlapp. Als es regnet genehmigen wir uns in einem Bistro einen Crêpe. Die Preise sind ganz schön happig. Weia. Wir laufen an diesem Tag über 34.000 Schritte. Wir gehen die Seine entlang. Wir sehen Notre Dame, den Eiffelturm, den Place de la Concorde. Hier machen wir einen Abstecher zum Triumphbogen, schlendern über einen Weihnachtsmarkt. Dann sind wir noch beim Louvre. Kurzum: Wir laufen uns kaputt. 

triumphbogen

louvre

concorde

Am Abend wollen wir dann nur noch irgendwo etwas essen gehen und dann im Hotel in die Betten fallen. Wir steigen an der Metrostation Bastille aus. Dann laufen wir auf der Suche nach einem Café planlos durch die Gegend und schlendern über den Boulevard Voltaire. Weil wir immer müder werden, haben wir bald keine Lust mehr zu suchen und gehen in das nächstbeste Restaurant, essen eine Kleinigkeit und machen uns schnell wieder auf. Erst ist noch die Idee da ein Café aufzusuchen, aber wir sind dann doch zu erschöpft.

Gegen 21h/ 21:30h sind wir in unserem Hotel und fallen todmüde in die Betten. Ich kann nicht gut schlafen und wache um 2:00h auf. Ich tippe auf mein Handy, um die Uhrzeit zu erfahren und stutze, da ich so viele sms bekommen habe. Schlaftrunken lese ich die Fragen, ob es mir gutgehe. Ja, wieso denn nicht, wundere ich mich. Ich will auf Safari klicken, um bei tagesschau.de zu sehen, ob irgendwas passiert ist, bin stattdessen aber nun bei Twitter und die Timeline ist voller Parisbilder und Ohnmachtsbekundungen. Ich verstehe nichts. Ich rufe Spiegel Online auf und bin geschockt. Von 120 Toten ist die Rede. Von mehreren Attentaten. Auf eine Konzertlocation. Auf Restaurants. Viele Verletzte. Ausnahmezustand. Ich kann das alles gar nicht wirklich aufnehmen. Nachdem ich eine Zeit lang durch die Meldungen lese, übermannt mich der Schlaf. Am nächsten Morgen schalten wir den TV ein und sehen die schlimmen Bilder. Nicht weit von dem Ort an dem wir zu Abend gegessen haben, ist kurze Zeit nach unserer Fahrt ins Hotel der Gewaltirrsinn losgebrochen. Dazu noch die Attacken im Libanon. In Kenia. Was ist bloß los mit der Welt?

Am Samstag sind die meisten öffentlichen Einrichtungen und Touristenattraktionen geschlossen. Die Polizei ist im Stadtkern sehr präsent. Oft fahren Kolonnen an Polizeiwagen an uns vorbei. Wir fahren zum Sacre Coeur. Hier ist es ruhig. Mit anderen Touristen schauen wir von dort oben auf die Stadt herab.

sacre coeur

sacre coeur

Anschließend laufen wir durchs Viertel bis wir an einen Friedhof kommen. Wir spazieren entlang der Gräber von Heine, Berlioz oder Zola.

friedhof montmatre

heine

berlioz

Dieser ganze Tag ist sehr still. Wieder im Zentrum der Stadt fährt kein Boot auf der Seine, niemand fährt den Eiffelturm hoch, keiner sieht sich die Mona Lisa im Louvre an. Statt dessen laufen die anderen Touristen wie wir durch diese ausnehmend schöne Stadt. Wir empfinden keine Angst oder ähnliches. Natürlich sprechen wir viel über diese Taten, während wir am Mussee d’Orsay oder am Invalidendom vorbeilaufen. Die meisten Restaurants haben geöffnet und auf den Straßen ist außer der Ruhe nichts spürbar. Keine Bedrohung, keine laute Wut. Auf dem Weg zur Metro sind wir kurz am Place de la République. Hier sind sehr viele Menschen und viele, viele Kamerateams. Kerzen sind am Monument abgestellt worden. Es prangt dort ebenfalls ein großes Banner mit dem Schriftzug „J’être humain“. Das soll eine Anlehnug an „Je suis Charlie“ sein, nach den Anschlägen auf das Satiremagazin im Januar dieses Jahres (was Franck Ribery damit zu tun hat: hier lesen).

Am Sonntag machen wir eine Bootstour (einige Boote haben den Betrieb wieder aufgenommen). Die Sonne strahlt. Anschließend geht es durch das Viertel Saint Germain, bevor wir dann in den Thalys steigen und diese wunderschöne Stadt wieder verlassen.

eiffelturm

notre dame

IMG_1109

Es ist ganz unwirklich in einer Stadt unterwegs zu sein, wo so etwas Schreckliches passiert ist, gleichzeitig aber nichts davon zu spüren. Festzustellen, wie das Leben weitergeht. Wie andernorts gelacht wird. Die furchtbaren Berichte aus TV und Print erleben wir wie aus einer anderen Welt. Viele haben bestimmt das Posting der Französin Isobel B. gelesen, die Augenzeugin im Club Bataclan war. Er hat mich wirklich sehr berührt: https://www.facebook.com/

Was mir auch wieder klar geworden ist: Man kann derartiges nicht verhindern. Schon gar nicht durch Waffengewalt. Und ich finde es immer wieder entsetzlich, was im Namen von Religion auf diesem Planeten so passiert. Es ist mir immer wieder unbegreiflich, wie weit Menschen kommen müssen, das ihnen für ihre Überzeugungen andere Menschen egal sind. An diese Überzeugungen muss man ran. Was hilft es, wenn man jetzt hier und dort wieder Stellungen von Terroisten niederschlägt? Ich will das Ganze hier gar nicht zur einer Grundsatzdiskussion werden lassen, nur kann ich nicht verstehen, dass Menschlichkeit für diese Personen kein Thema mehr ist. Wie es dazu nur kommen kann, ist mir nicht begreiflich.

Unser Paris-Wochenende wurde von diesen Anschlägen überschattet. Das war so fern von uns, es ist immer noch nicht wirklich greifbar.Dennoch haben wir diese Stadt neu oder erneut in unser Herz geschlossen. Was heißt dennoch? Paris ist eine tolle Stadt und die Menschen waren sehr nett und zuvorkommend zu uns. 

liberte

Ein Gedanke zu “Paris – Ein Dennoch-Reisebericht

  1. Puh, wie gut, dass ihr zu schlapp ward, um am Freitag Abend noch nach dem Essen ein weiteres Café aufzusuchen… Danke für diesen Bericht darüber, wie ihr die Stadt vor und nach den Anschlägen erlebt habt!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s