Zeit für gute Gespräche: Schulz und Böhmermann

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(c) obs/ZDFneo/ZDF/Philippe Fromage

Gestern bin ich in die ZDF-Mediathek getaucht und habe mir endlich die Talkshow von Schulz und Böhmermann angeschaut. Ich kann nur empfehlen, es mir gleich zu tun, denn die Talkrunden waren zwar chaotisch doch interessant.

Sendung 1

Gäste: Anika Decker (Drehbuchautorin , bspw.“Keinohrhasen), Jörg Kachelmann (Meterologe und selbsternanntes Justizopfer), Gert Postel (Hochstapler) und Kollegah (Rapper)

Soweit so gemischt. In der Pilotsendung wird dann noch der Gimmick der Aus- und/oder Pluszeit auf den Tisch gebracht. Will man etwas sagen, das nicht in die ausgestrahlte Sendung soll, legt man eine „Minus 1“ aus einem Uno-Deck auf den Tisch. Andererseits kann jemand aber auch die Plus 1 hinlegen, will er das doch hören, oder weiter darüber sprechen oder wie auch immer. Eigentlich egal, denn dieser Versuch ging nach hinten los.

Alle Gäste bekommen einen ca. 50sekündigen Einsprecher, geschrieben und vorgelesen von Sybille Berg, zu hören, der ihr Leben und Wirken kurz und knapp und humorvoll-bissig zusammenfasst. Das hat mir gut gefallen.

Die Gäste der ersten Sendung sind alle sehr wortgewandt und vor allem sehr sendebewusst. Einzig Frau Decker, die einzige Frau der Runde, geht total unter. Aufreger für mich war Gert Postel, der sich als gelernter Postbote mal eben als Psychiater ausgab und so diesen Berufszweig diskreditieren wollte und dies ja auch geschafft habe. Sein fehlgeleitetes Selbstverständnis und seine aggressive Art waren schwer zu ertragen. Weniger aggressiv, zumindest möchte er so erscheinen, ist Kachelmann auf seinem Feldzug für die Gerechtigkeit. Hier zeigt sich eine große Schwäche des Talkformats: es ist nicht genug Zeit für die einzelnen Gespräche oder für ein Thema in großer Runde da. Wenn Kachelmann sich dafür ausspricht, die Rechtsprechung bei Vergewaltigungsprozessen müsse sich ändern, da eine bloße Anklage reiche, um Männer wie ihn um Job und Geld zu bringen, ist das ein sehr großes Thema. Denken wir nur an die leider vielen Frauen, die Opfer einer Vergewaltigung geworden sind und sich anhören mussten, dass ein einfaches „Nein“ nicht reiche und wenn nicht ersichtlich ist, dass sie sich gewehrt habe, wird ihr quasi eine Mitschuld angekreidet. Herr Kachelmann macht es sich in seiner, wenn auch nachvollziehbaren, Meinung viel zu einfach. Da hätte mehr drauf eingegangen werden sollen. Jan Böhmermann, der Liebling der Feuilletonisten, macht dies zwar an einer Stelle kurz, aber das reicht eben nicht, es kommt kein Diskurs zustande. Olli Schulz müht sich auch an Herrn Postel redlich ab. Das hat alles Potential, das aber versiegt. Kollegah zeigt sich als kluger und gewitzter Gesprächspartner, der sich deutlich absetzt von Kollegen wie Sido oder Bushido und ihren radebrechenden Interviews. Olli Schulz zeigt sein Musikwissen und zitiert seine Lieblingslines: „Du hast ’nen sächsischen Dialekt, ich hab‘ ne Sächsin, die leckt.“ OK, ich  habe gelacht. Meine Musik wird’s dennoch nicht werden.

Nach der Sendung lassen die beiden Moderatoren nochmal Revue passieren: „Der Postel ist so ein Alphatierchen…Der Kachelmann ist auf nem Feldzug, auch wenn er sagt, er sei’s nicht…“

Das hat mir sehr gut gefallen, wenn, und da gebe ich Schulz und Böhmermann recht, auch noch Luft nach oben ist.

Sendung 2

Gäste: Nora Tschirner (Schauspielerin), Ann-Marlene Henning (Psychologin), Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/ Grüne), Paul Ronzheimer (BILD)

Es wird Kindergeburtstag gefeiert. Mit Negerküssen (HEY, POLITICAL CORRECTNESS, das darf man nicht mehr sagen ist man sich einig und sagt’s immer wieder), Partyhütchen und ’nem Fisch im Mixer (what?). Stühle brechen und es wird auf die Pöter geplumpst. Nora Tschirner erzählt engagiert vom Projekt „perspective daily„, das für unabhängigen ganzheitlichen Journalismus steht (finde ich gut, in dieser Richtung gibt es ja mehrere Ansätze wie auch die medienkritiker von Übermedien z. B.), während neben ihr der Bild-Mensch Ronzheimer von seinen „krass-gefährlichen“ Einsätzen in Krisengebieten erzählt, wo ihm einer abgeht, weil er sich in Gefahr bringt, natürlich nur wegen der Geschichten und weil einer es ja schließlich machen müsse. Diese beiden Ansätze bieten Stoff für mehr Diskurs. Dann ereifert sich Jan Böhmermann darüber, dass Steuerzahler für kirchliche Einrichtungen mitzahlen müssen, wobei diese sich über das gängige Arbeitsrecht hinwegsetzen können (Bsp. keine geschiedenen Angestellten in katholischen Kindergärten o.ä.). Frau Göring-Eckardt kann kaum mehr entgegnen als „Wollen Sie meine Antwort hören oder einfach nur mal etwas loswerden?“ Dann versucht Olli Schulz noch hinter die Geheimnisse des trockenen Orgasmus zu kommen, ein Orgasmus ohne Ejakulation. Das geht irgendwie über den Beckenboden, ich habe es, wie alle anderen wohl auch, nicht verstanden. Frau Henning kam auch leider zu kurz in der Runde.

Sendung 3

Gäste: Axel Petermann (Kriminalist), Samuel Koch (Schauspieler), Kathrin Bauerfeind (Moderatorin), der Lange Tünn (köllsche Kiez-Größe)

Eine Talk-Sendung steht und fällt mit seinen Gästen. Keine neue Erkenntnis. Hier hat die Mixtur gut funktioniert und auch hier ist wieder jemand, dessen Meinung mich aufregt. Der Lange Tünn redet einen verschwurbelten Mist, dass mir die Galle kommt. „Man wird ja nicht von selbst Zuhälter, man wird zum Zuhälter gemacht. Die Frauen sind ja zu mir gekommen!“ Böhmermann: „Ja, klar, weil die alle Nutten werden wollten. Bitte nutz‘ mich aus…“ Richtig. Und auch Olli Schulz lässt das nicht stehen und verweist auf wahrscheinlich sozial-prekäre Situationen, die Frauen in diese Lage drängten. Darauf geht der Lange Tünn, dessen Spitzname noch das beste an ihm ist, nicht ein. An Kathrin Bauerfeinds Stelle wäre ich auch etwas deutlicher geworden, als er anfängt, von den guten alten Zeiten zu erzählen, dass diese Zeiten halt anders gewesen wären und dass damals Frau Bauerfeind doch sicherlich auch für ihn gearbeitet hätte. Ihr einfaches, wenn auch lautes „Nein“ wäre für mich nicht Entgegnung genug gewesen. Also dieses Selbstverständnis von Frauen und ihrer Rolle in der Prostitution widert mich immens an! Verschmitzt und interessant erzählt hingegen Axel Petermann von seiner Arbeit als „Profiler“, von der anderen Seite als der vom Langen Elend. Für laute Lacher sorgt Samuel Koch, der die Runde schön auflaufen lässt, denn „Oh Gott“, wie geht man denn mit jemand um, der eine Körperbehinderung hat? Darf man da auch mal austeilen oder muss man da vorsichtig sein? Ich halte es da mit Schlingensief – Witze über Behinderte sind Zeichen von Inklusion. Böhmermann stottert seine Unbeholfenheit im Umgang mit Koch heraus: „Ich finde irgendwie nicht die richtigen Worte…“ Koch: „Das merkt man.“ Hähä. Und dann erzählt er noch wie Markus Lanz, die Torfnase, ihn im Backstage bei „Wetten, dass..“ umarmte und er an seinen Rolli und dessen Steuerung gekommen ist, sodass „ich quer durch die Garderobe in die Kaffeemaschine gekachelt bin“. Lustig. Kathrin Bauerfeind ist aufgeweckt und interessiert, ist aber selbst nicht mit einem eigenen Thema in dieser Runde präsent. Als Gimmick in Folge drei gibt es die Schattenwand, hinter der sich weitere „prominente“ Gäste verbergen, die man gegen die anderen in der Runde austauschen kann für drei Minuten. Das bringt natürlich sehr viel Unruhe rein, aber auch ein erfrischend chaotisches Element. Einmal sitzt stumm das Maskottchen der Kölner Haie da, einmal Micaela Schäfer, die jetzt anscheinend DJane auf Malle ist (DJ – das neue Schmuckdesign-„Berufs“schlupfloch für Möchtegernpromis?) und einmal Oli P., der die letzte Zeit damit verbracht hat, abzunehmen. 

Mein Fazit: Sehr amüsant, sehr unterhaltsam und auch interessant. Zwei liebevoll-verschrobene Gastgeber mit kultivierten Bärten und bis jetzt eine gute Mischung an Gästen. Die Einsprecher von Sybille Berg sind grandios! Leider kommen Gespräche erst dann in eine interessante Tiefe, wenn sie fast schon wieder vorbei sind. Es ist einfach nicht genug Zeit und die brauchen gute Gespräche einfach.

In der Mediathek anschauen: www.zdf.de/ZDFmediathek

12 Gedanken zu “Zeit für gute Gespräche: Schulz und Böhmermann

  1. Das größte Problem des Formats hat man halt leider von der Ursprungssendung Roche & Böhmermann übernommen. Es wirkt alles zu planlos am Anfang. Gerade in der ersten Sendung konzentrierte sich in der ersten Viertelstunde das Gespräch komplett auf Kollegah und Schulz. Dadurch entstand nie ein richtiger Fluss im Gespräch am Tisch. Das Konzept der Sendung soll ja eigentlich sein, dass man ein einheitliches Gespräch führt, an dem sich alle beteiligen und nicht, wie in anderen Talkshows, einen Gast nach dem anderen abarbeiten. Leider funktioniert das nicht so richtig. Ich denke, es wäre sinnvoll, wenn man sich vor der Show ein paar übergeordnete Themen überlegen würde, zu denen jeder der Gäste was beitragen kann. Wenn dann einer halt nicht viel sagt, ist das Pech, aber zumindest wäre dann die Möglichkeit da. In Folge 1 zB saß Frau Decker, wie die beiden ja auch hinterher richtig erkannt haben, eigentlich größtenteils nur daneben, um die „Freakshow“ anzugucken. Immerhin hat man einen Gast weniger, als früher, was schon mal gut ist. Aber trotzdem kommt nie so richtig ein Fluss auf, wie man sich das vielleicht vorstellt. Oder die Gäste verstehen einfach nicht so ganz, dass sie sich an den Gesprächen beteiligen sollen. Kollegah war da ja quasi überraschend ein Traumgast, der sich tatsächlich beteiligt hat hinterher. Bei allen anderen war das bisher aber leider überhaupt nicht der Fall.

      1. Ja, ich auch. Ist auch meckern auf hohem Niveau, weil es halt auch so hervorragend unterhält. Allerdings gab es damals auch durchaus Folgen davon, wo das flüssiger wirkte. Aber das steht und fällt wohl auch einfach mit den Gästen. Wenn man zB natürlich einfach „Die Ärzte“ dahin setzt und noch ein zwei von deren Musikerfreunden einlädt, ist klar, dass die sich besser untereinander unterhalten können, als beispielsweise ein arroganter Möchtegernpsychologe und eine eher zurückhaltende Autorin.

  2. Ich verstehe ja so gar nicht, was alle Welt an Herrn Böhmermann findet. Obwohl er für die Harald Schmidt Show gearbeitet hat und ich diese vorm Wechsel zur ARD auch echt geliebt habe, kann ich mit ihm nix anfangen. Deshalb habe ich mir auch diese Sendung nicht angeschaut und was du schreibst, bestätigt mich. Humor soll ja politisch unkorrekt sein und gerade dadurch Strömungen aufzeigen. Klar, kann man immer schnell Lacher generieren, wenn es unter die Gürtellinie geht. Aber ist das doch meist so ein „Haha-Der-traut-sich-was“- oder „Hihi-das-ist-aber-peinlich“-Lachen. Naja, wie immer gilt, wem’s gefällt.

      1. Na, dann ist ja gut ;). Okay, zu den hier beschriebenen Sendungen kann ich ja jetzt so nichts weiter sagen. Da ich ja auch mal wissen wollte, warum Herr B. so beliebt, habe ich durchaus schon eingeschaltet, wenn irgendwas mit ihm lief. Und da war es manchmal schon….sagen wir einfach, nicht meins. Aber Humorverständnis ist halt völlig subjektiv und irrational. Ist ja auch richtig so.

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