Review: Romeo & Juliet im Garrick Theatre

Was für ein London-Wochende: Drei Stücke und eine Ausstellung. Herrlich!

Mein Theatertrip startete mit der Singenden Lehrerin und dem berühmtesten Liebespaar der Welt im Garrick Theatre.

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Die Inszenierung der Über-Tragödie von Kenneth Branagh hat mich allerdings nicht überzeugt. Das Setting ist eine italienische Gesellschaft, den Kostümen zu urteilen in den 50ern. Das Bühnenbild besteht aus Stufen und Säulen. Die Antikenzitate funktionieren sehr gut als italienische Szenerie. Was weniger funktioniert hat, und damit springe ich direkt zum größten Kritikpunkt, war die Chemie und überhaupt die Leistung der Darsteller. Zwischen Romeo und Juliet fliegen keinerlei Funken. Da ist NULL Leidenschaft, sodass man sich fragen muss, was die beiden aneinander finden.

Erst kurz vor meinem Theaterbesuch ist mir aufgefallen, dass die Hauptfigur mit Richard Madden besetzt ist. Da ich erst vor wenigen Wochen angefangen habe „Game of Thrones“ zu schauen (ich finde es so naja) und Rob Stark hierin ganz OK finde (dafür aber sehr ansehnlich), war ich gespannt auf diesen Romeo. Nun war er so furchtbar blass, der hat mir echt gar nichts gegeben. Das war total kraftlos, was Madden da abgeliefert hat. Das einzige jugendliche Feuer machte er deutlich, indem er immer von der Bühne gerannt ist. Sportliche Energie. Immerhin. Da war Lily James als Juliet deutlich besser, obwohl ich bei ihr ebenfalls nicht in Lobeshymnen ausbrechen könnte. Die fehlende Chemie zwischen beiden hat für mich das Stück zerstört. Zudem war die erste Hälfte eine mitunter clowneske Nummernrevue, bei der mich vor allem die Rolle des Peta (Kathry Wilder) sehr genervt hat. Quietschende Stimmen, übertriebener Italo-Machismo (immer schön mit den Händen reden, eh?) und deplatzierte Singerei – ich war nahezu verärgert. Da gab es keinen Tiefgang, alles wurde so lieblos aneinandergereiht, dass es mir vor der zweiten Hälfte graute. Außerdem hat mich der Clou Mercutio mit Derek Jacobi zu besetzen leider gar nicht überzeugt. Er flaniert wie ein Bonvivant über die Bühne, wie man es bei ihm aus der Serie „Vicious“ schon zig Mal gesehen hat. Kann man machen, aber wie bei allen Figuren in Branaghs Inszenierung entwickelt sich der Charakter nicht, bzw. erhält keine tiefergehende Dimension. Mercutios Monolog über Träume, den ich sehr mag, hat hier keine große Wirkung. Genauso hat mich besonders Mercutios Sterbeszene vergrätzt. Sein Ausruf „A plague on both your houses“ wird aus dem Off eingeworfen, ohne Wut, Angst oder Verzweiflung zu vermitteln.

Shakespeares Drama ist hier vergeudet wie Perlen vor die Säue. Nicht unerwähnt soll auch Tom Hansen als Paris bleiben, mit einer der schlechtesten Performances, die ich seit langem gesehen habe. Buh. Das war jetzt hart. Ich fand ihn aber so hölzern. Colgrave Hirst als Benvolio hat sich bemüht immer sehr deutlich Shakespeares Text theatralisch wiederzugeben und hat durch die Betonung den Mund immer so übertrieben aufgerissen. Weniger ist manchmal mehr. Für mich noch die beste Leistung lieferte Michael Rouse als Lord Capulet.

Von Kenneth Branagh habe ich mir sehr viel mehr versprochen. Das war leider gar nicht mein Fall.

Dabei sah das im Trailer gar nicht so schlecht aus:

8 Gedanken zu “Review: Romeo & Juliet im Garrick Theatre

  1. Oh je, das ist jetzt schon der zweite Verriss, denn ich zu dieser Inszenierung lese. Schade, wenn von einer Liebesgeschichte so wenig rüberkommt!
    Mal schauen, ob ich mich im Juli dann trotzdem ins Kino setzte und mir die Übertragung anschaue…

      1. Vielleicht können sie, aus welchen Gründen auch immer, nicht besser. Dann fragt man sich aber natürlich wieso sie überhaupt gecasted wurden :/

  2. Wir finden uns in dieser Kritik sehr wieder. Wir waren auch sehr enttäusch von der Oberflächlichkeit mit der ein gewiefter Shakespeare-Kenner hier gearbeitet hat. Wir waren versucht uns in der Pause zu verabschieden, sind dennoch geblieben. Leider wurde es nicht besser.

  3. So, jetzt habe ich endlich meine Kritik veröffentlicht. Ich finde es witzig, dass dir Lilybesser als Richard gefiel – bei mir war es gerade anders herum… Immerhin sind wir uns bzgl. Michael Rouse einig, den ich auf jeden Fall im Auge behalten werde.

    Mercutios Monolog wiederum mochte ich ganz gern, weil er den Inhalt für mich sehr greifbar gemacht hat – ohne den Text jemals vorher gelesen zu haben.

  4. Wirklich interessanter Bericht, danke dafür! 🙂 Ich spiele noch mit dem Gedanken, es mir nächste Woche anzusehen. Bisher habe ich aber viele gemischte (tendenziell eher negative) Kritiken gelesen. Dabei waren meine Erwartungen bei der Ankündigung eigentlich hoch, Shakespeare habe ich bei Kenneth Branagh bisher eigentlich immer für in sicheren Händen gehalten, seine Personenregie scheint hier ja nicht allzu stark zu sein.

    Falls ich bei der TodayTix-Lotterie nächste Woche Glück habe, mache ich mir vielleicht doch noch ein Bild von der Produktion. 😀

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