Review: Madam Butterfly im Coliseum (Autsch, mein Herz)

London-Theater-Trip Teil 3

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Oper ist bestimmt nicht jedermanns Sache, aber ich kann diese Inszenierung nur empfehlen. Himmel, hat sie mich beeindruckt. Ich bin jetzt noch ganz benommen.

Das Coliseum sieht von außen schon ganz nett aus, aber das sich darin ein wirklich schönes Opernhaus verbirgt, vermutet man nicht unbedingt.

(c) Mike Peel (www.mikepeel.net).
(c) Mike Peel (www.mikepeel.net).

Die Puccini-Oper handelt von der Geisha Cio-Cio-San, genannt Butterfly, die dem amerikanischen Marineoffizier Pinkerton als Braut gegeben wird. Sie nimmt diese Heirat sehr ernst, Pinkerton wiederum verlässt sie bald. Butterfly glaubt inständig an seine Rückkehr und an ihre Ehe. Nach japanischem Recht gilt eine verlassene Frau als geschieden, so hat Butterfly nach drei Jahren einen neuen Verehrer, Yamadori, den sie abweist. Butterfly erfährt das Pinkerton zurück nach Nagasaki kommt, ihr wird aber mitgeteilt, sie solle sich nicht so große Hoffnung machen. Zusammen mit ihrem und Pinkertons Sohn wartet sie auf die Wiedervereinigung mit ihrem Mann. Pinkerton ist allerdings mittlerweile neu verheiratet mit Kate. Kate will den Sohn von Pinkerton und Butterfly mit nach Amerika nehmen, um ihm eine gute Zukunft zu ermöglichen. Butterfly nimmt sich daraufhin das Leben.

Ich habe noch nie derart viel geweint. Es war mir schon unangenehm mein Geschluchze, aber es ging nicht anders. Anthony Minghella zeichnet für diese Inszenierung verantwortlich, hatte sie doch 2005 Premiere, drei Jahre vor seinem Tod. Kurze 11 Jahre später habe ich mir seine Opernarbeit nun ansehen können und bin ganz aus dem Häuschen was er hier auf die Beine gestellt hat. Die Optik ist beeindruckend. Das zurückgenommene Bühnenbild, es besteht eigentlich nur aus schwarzem, ansteigenden Boden und vereinzelt ein paar Paravents, gibt Raum für die farbenprächtigen Kostüme und tolles Lichtdesign. Ein besonderer Clou sind die ganz in schwarz gehüllten Tänzer, die als stage hands fungieren. Sichtbar unsichtbar sind sie auf der Bühne und tanzen mit Butterflys Kimonoschleife, während Butterfly sehr anmutig mit den Fächer tanzt, halten Lampions oder lassen Papiervögel fliegen. Worte können einfach nicht wiedergeben, wie effektiv und ästhetisch ansprechend das ist! Besonders nahe ging mir ihre Arbeit aber in Bezug auf Butterflys Sohn. Der ist nämlich hier eine Puppe. Und diese Puppe hat mich fertig gemacht. Wie sie von den Tänzern zum Leben erweckt wurde, mit schnellen kleinen Schritten, kindgleichen Bewegungen – das war ganz famos. Und diese Puppe hatte so etwas derartig reines und unschuldiges, dass mir das Schicksal des Kindes gleich noch näher ging. Besonders wenn dazu noch folgende Musik läuft:

Dieser Chor rührt mich erneut zu Tränen. Als Butterfly beschließt sich das Leben zu nehmen und ein Messer zückt, kommt just in diesem Moment ihr Sohn auf sie zugelaufen. Sie bittet ihn sich umzudrehen und sagt ihm, dass sie ihn liebe, bevor sie sich tötet. Mich hat das fast zerrissen.

Mit geröteten feuchten Augen habe ich das Theater verlassen und habe mich vollkommen durchgewalkt gefühlt. Das war schmerzhaft schön, aber deswegen besonders wundervoll. Die Oper hat in mir viele Emotionen wachgerüttelt und mich spüren lassen, zu welchen Empfindungen ich fähig bin. Das hat gut getan, auch wenn es mitunter weh tat. Das ist wie mit der Melancholie: Traurigkeit und Glück vereinen sich. Die Traurigkeit verstärkt das Glück und das Glück dämpft die Traurigkeit. Ich finde das eine gute Kombination. Ich bin sehr dankbar, dies erlebt zu haben. Es war einer der Momente, die noch lange in einem nachklingen und einen innerlich reicher machen.

Einen kleinen Dämpfer gab es allerdings auch. Hinter mir saß eine hoffnungslos überforderte junge Nanny mit zwei Kindern (ca. 4/5 Jahre alt). Die haben gegen meinen Sitz getreten, haben rumgehampelt und ständig geschwatzt. Das hat so genervt, dass es in der Pause Meckereien auf sie hinabregnete: „Thanks for ruining a perfectly lovely evening“. Sie ist nach der Pause nicht wiedergekommen. Gott sei Dank. Das ist nun wirklich keine Freude für so junge Kinder: Sie verstehen die Handlung nicht, verstehen den Gesang nicht, mögen den Gesang wahrscheinlich auch nicht, können nicht gut sehen und müssen ruhig sein und still sitzen. Was für eine bescheuerte Idee sie in die Oper zu bringen. Welche Bildungsbürgereltern auch immer die Idee hatten: Es gibt Kinderopern, um den Nachwuchs in diese musikalischen Welten einzuführen.

Gesungen wurde hier übrigens auf Englisch. Besser verstanden hat man dies allerdings auch nicht und hat immer wieder auf die Obertitel geschaut. 🙂

Ein ganz, ganz tolles Erlebnis war das, von dem ich noch ein Weilchen zehren werde! Ich lausche dann nochmal der berühmten Arie aus dem 2. Akt:

PS Es gibt die Aufführung auch als DVD zu kaufen, wie ich bei Amazon entdeckt habe. Ich glaube, das mache ich!

 

2 Gedanken zu “Review: Madam Butterfly im Coliseum (Autsch, mein Herz)

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