„The Vegetarian“ von Han Kang

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Ab und an stolpert man über Bücher, die nach der Lektüre noch bei einem bleiben. Die einen viel zum Nachdenken anregen. „The Vegetarian“ ist definitiv so ein Buch. Erzählt wird die Geschichte der Koreanerin Yeong-hye, die sich nach einem Traum entschließt kein Fleisch mehr zu essen. Doch das ist nur der Anfang. Immer mehr entsagt sie dem menschlichen Dasein auf ihrem Weg zu einem pflanzlichen.

Eingeteilt in drei Kapitel wird ihre Geschichte erst aus der Sicht ihres Ehemannes, dann aus der ihres Schwagers und zuletzt aus der ihrer Schwester erzählt. Von Kapitel zu Kapitel wird die Geschichte intensiver, zuletzt sehr tragisch. Yeong-hyes Abdriften in ihre „Wahnvorstellung“, das Unvermögen ihrer Umwelt sie zu verstehen – das ist schwer zu ertragen, wie die Welten hier auseinanderdriften. Wie die Männer in Yeong-hyes Leben auf sie reagieren, ist schrecklich. Ihr Mann reagiert mit Unverständnis und Entrüstung, weil seine Gattin nicht mehr „funktioniert“, nicht mehr präsentierbar ist. Denn Yeong-hye fällt durch ihr Verhalten aus der Norm. Nicht nur, dass sie kein Fleisch mehr ist, sie trägt auch keine BHs mehr, will dessen Zwänge nicht mehr spüren. Wie unerhört! Nachdem der Vater ihr mit Gewalt Fleischbissen in den Mund zwängt versucht sich Yeong-hye das Leben zu nehmen. Auftakt des zweiten Aktes. Yeong-hyes Schwager, ein Videokünstler, ist fasziniert von seiner Schwägerin und will sie filmen. Dafür unterstützt er ihre immer stärker werdende Schizophrenie, indem er ihren Körper mit Blumen bemalt und sie so wie eine bunte Pflanze wirkt. Er geht soweit, dass er Sex mit Yeong-hye hat, sie dafür ausnutzt. Auftakt Kapitel drei. Im letzten Kapitel kümmert sich Yeong-hyes Schwester In-hye um die abgemagerte Frau, die kaum noch 30 Kilo wiegt. Yeong-hye wünscht sie wäre ein Baum, dass sie ihre Hände in die Erde graben könnte wie Wurzeln und dass aus ihrem Schritt Triebe wüchsen. In-hye muss hilflos mitansehen, wie ihre Schwester sich zu Tode hungert und lässt am Krankheitsverlauf ihrer Schwester ihr eigenes Leben, ihr Verhalten, Revue passieren.

Das ist alles sehr intensiv geschrieben und hat mich richtig mitgenommen. Ein fantastisches Buch, dass mich mitunter wütend gemacht hat (wie sich die Männer hier verhalten ist scheußlich). Auch hat es mich ratlos gemacht und ich habe mich bei dem Gedanken ertappt „Warum lassen sie die Frau nicht in den Wald? Sie kommen ja doch nicht an sie heran, um sie zu heilen, warum quält man sie dann so?“

Wie würde ich reagieren, wenn meine Schwester so abdriftet? Wenn man sie einfach nicht mehr erreicht? Das ist so hart. Schwer vorstellbar. Wie hätte man den „Verfall“ von Yeong-hys Geisteszustand verhindern können? Wann hätte man wie und wo ansetzen müssen? Was sind die Ursachen für ihr Verhalten? So viele Fragen, so wenig Antworten.

Ich kann dieses Buch nur empfehlen, ich habe mich immer auf die Momente des Tages gefreut, wo ich es weiter lesen konnte.

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