Sarah Kuttner in der Zeche Carl: „Weird & Warm“

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Vor geraumer Zeit las ich auf Sarah Kuttners Facebook-Seite, dass sie auf Lesetour geht. Interessant, dachte ich mir, kann man ja mal hingehen. Bei den Terminen habe ich allerdings gestutzt: Da war nicht ein einziger im Ruhrgebiet. Bei Konzerten fällt das schon lange auf – immer muss sich der Ruhrpott auf den Weg nach Düsseldorf oder Köln machen, weil die Booker den Pott meiden wie die Pest. Wieso auch immer. Aber selbst Lesungen werden hier nicht veranstaltet? Was ist los? Dabei haben wir Unmengen an töften Locations für so etwas. Ich habe damals meinem Unmut Worte verliehen, woraufhin einige einstimmten und auch klagten, was Frau Kuttner dazu führte sich zu verteidigen, sie mache die Termine nicht. Nun war sie also doch im Ruhrgebiet. In Essen. In der Zeche Carl. Ganz sicher nur weil ich mal was auf Facebook geschrieben habe. Ist doch klar! 🙂

Also froh nicht durch die Weltgeschichte gondeln zu müssen, haben wir uns in der Zeche etwas von Frau Kuttner vorlesen lassen. Das Buch „180° Meer“ selbst habe ich nicht gelesen, da wollte ich es drauf ankommen lassen. Es geht um Juliane, ihre schreckliche Kindheit mit einer depressiven Mutter und einem entfremdeten Vater und was das mit ihr als erwachsene Person so macht.

Den Einstieg in den Abend erhalten wir aber durch eine charmante Episode, denn Frau Kuttner erzählt wie sie ihren Tag in Essen verbracht hat. Mit dem vergeblichen Versuch das Polizeimuseum (WAT? SOWAT GIBBET HIER?) zu besuchen und von der Massage im Sheraton-Hotel, die sie zum Schluss verleitete: „Ihr seid hier schon weird, aber auch auch süß im Ruhrgebiet“. Überhaupt verlabert sie sich ziemlich an diesem Abend, was mir gut gefällt. Stringente Vorleserei allein wäre ja auch ziemlich drösch, finde ich. Gleich zu Beginn macht sie ein Foto vom Publikum („Wer nicht drauf sein möchte, der bücke sich jetzt und tue so, als suche er etwas unterm Stuhl.“):

(c) www.facebook.com/SarahKuttner

 

Mir hat der Abend gut gefallen. Ich mag ihre Art, die von zurückhaltend bis spinnert-forsch geht. Ich mag ihren Humor. Sie liest etwa 45 Minuten, den Rest des 1,5 Stunden dauernden „Programms“ verlabert sie, bzw. gibt Antworten auf Fragen.

Ob sie Therapeuten für dieses Buch interviewt habe? Nein, denn dafür reiche Empathie.

Wie sie den Wechsel von traurig und lustig hinbekomme? Einfach, denn beides mache den Menschen aus.

Wie ihr Schreibprozess aussehe? Jogginghose, Zigarette, Computer, Schreibtisch. Ab 15h, denn vorher werde noch allerhand wichtiger und unwichtiger Quatsch gemacht.

Ob sie als in der Öffentlichkeit stehender Mensch eine politische Verantwortung habe, bzw. deutlich(er) Stellung beziehen solle? Diese Verantwortung möchte sie nicht übernehmen, schon gar nicht, wenn es um fundiert politische Aussagen gehe. Statements, die darauf abzielen allgemein zu sagen, dass NPD und AfD keine gescheiten politischen Gesinnungen darstellen, findet sie nicht schwierig, wären (sind?) kein Problem; was darüber hinausgehe, wäre ihr zuviel Verantwortung. Hier wand sie sich ein bisschen.

Zum Abschluss bedankte sie sich artig beim Publikum und befand, dass wir „auch ein bisschen weird, wie die Masseuse, aber auch ziemlich warm“ waren. „Das klingt voll hippiemäßig“, befand sie. Yo, aber is scho recht.

Nach der Lesung hat sie noch signiert „was gewaschen ist“, wir sind dann allerdings schon gegangen. Ein netter Abend, aber das Buch kaufen werde ich mir nicht, das hat mich dann weniger überzeugt als ihre Entertainer-Qualitäten.

 

2 Gedanken zu “Sarah Kuttner in der Zeche Carl: „Weird & Warm“

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