[Buch-Date] mit Amerdale: Die Einlösung

koehlmeier

Ich habe mir „Die Musterschüler“ von Michael Köhlmeier ausgesucht. Das musste ich in der Buchhandlung erst einmal bestellen. Als ich es dann in den Händen hielt, ging mir schon die Düse. Hilfe, was für ein Wälzer. Dieser Ziegelstein von Buch hat 600 Seiten. Und ich lese doch langsam. Das schaffe ich nie bis Dezember!

Michael Köhlmeiers Buch ist ein Verhör. Ein ehemaliger Schüler eines österreichischen Heimes erzählt, wie er zusammen mit sechs anderen einen Mitschüler verprügelt hat. Das Ereignis liegt viele Jahre zurück und nach und nach dröselt sich auf, wie es zu diesem Akt der Gewalt kommen konnte und welche Ausmaße er annahm. Ebenso zeichnet sich das Geflecht der Jugendlichen untereinander ab und wie die Beteiligten das Geschehen mit dem Abstand der Jahre bewerten.

Mit jeder Seite setzt sich das Puzzle mehr zusammen, sodass man das Buch kaum aus der Hand legen mag. Eine ebenfalls namelose Frageperson hakt bei den rückblickenden Erzählungen immer wieder nach und uns offenbart sich ein Mikrokosmos eines von Kapuzinermönchen geführten Heimes im Österreich der 50er Jahre. Vor allem aber geht es um die Frage nach Umgang mit Schuld!

Edwin Tiefentaler, Oliver Starche, Alfred Lässer, Franz Brandl, Manfred Fritsch und Ferdi Turner sind die Jungs, die Schuld auf sich geladen haben. Das sind die Mitschüler, die der Erzähler Jahrzehnte später aufsucht, um die Vergangenheit aufzuarbeiten. Er berichtet in dem 600-Seiten-Interview von diesen Begegnungen. Wir erhalten Einblicke, wie die Biographien der Täter seit der Tat verlaufen sind. Über allem hat der Faktor Zeit mitunter einen Schleier (des Vergesssens) gelegt. Alle Protagonisten sehen ihre Handlungen mit dem Abstand der Jahre und fragen sich, wie sie so handeln konnten, wie sie es taten.

Dabei bleibt die Figur, um die es geht, das Opfer Gebhard Malin, lange Zeit ein Phänomen. Da er als einziger nicht selbst zu Wort kommt, formt sich sein Charakter nur aus den Erzählungen der anderen. Er ist vom Erzähler nicht aufgesucht worden, bzw. nicht aufgefunden worden. Seine Spuren verlieren sich schon rasch nach dem Gewaltereignis.

Seite über Seite wird es konkreter, kommen wir DEM Ereignis näher, von dem es zu Beginn  heißt, das es Jahre zurückliege. Dann Jahrzehnte. Dann 25 Jahre. Dann gibt es ein Datum: 23. November 1963.Unausweislich liest man sich hin zur Beschreibung der „Klassenprügel“. Ich hatte Bammel davor, denn immer mehr deutet sich an, dass dort die Gewalt eskalierte und ich scheue mich so etwas zu lesen. 598 Seiten liest man auf dem Weg hierhin. Die letzten zwei Seiten, in welchem der Erzähler endlich die Karten auf den Tisch legt, haben es dann in sich. Sie haben mich geschockt!

Der letzte Satz liest sich, als suche der Befragte Absolution, denn er lautet [Spoiler, wer’s wissen will: markieren] „Ich will sehen was sich machen lässt.“ Denn, und das ist auch etwas, was mich ärgert, ja, richtig wütend macht: Keiner der Beteiligten wurde zur Rechenschaft für diese Tat gezogen. Sie blieb ungesühnt.

Köhlmeiers „Die Musterschüler“ ist ein Roman, der nicht nur ungemein spannend ist und hervorragend geschrieben ist (wenn man sich an das österreichische Idiom auch erst einmal gewöhnen muss. Und, nein, es heißt DER Keks, nicht DAS Keks, liebe Nachbarn!), sondern auch wirklich zum Nachdenken anregt. „Musterschüler“ lautet der Titel des Buches. Und bis zu diesem einen Tag haben sich die Jungs auch nichts Gravierendes zu Schulden kommen lassen. Und handelten sie bei ihrer Tat nicht nach einem Befehl? War das nicht ein „Ritual“, ein geduldetes Verhalten, wenn jemand im Verbund „aus der Reihe tanzt“? Eine superbe Reflektion zu dem Themen Gewalt, Gehorsam, Gruppenzwang und Schuld.

Ich habe die Lektüre von „Die Musterschüler“ sehr genossen. Vielen Dank, Amerdale für diesen guten Tipp und die Empfehlung gebe ich hiermit weiter!

Hier finden sich die anderen Dates: https://wortgeflumselkritzelkram.wordpress.com/2016/12/01/buch-date-sammelbeitrag

6 Gedanken zu “[Buch-Date] mit Amerdale: Die Einlösung

  1. Normalerweise würde mich so ein Wälzer auch erst einmal mehr abschrecken als anlocken, aber deine Besprechung gerade hat mich wirklich so richtig neugierig gemacht. Das Buch wanderte gerade ganz heimlich auf meinen Wunschzettel.

    1. Mir geht es wie der Rabenfrau. Das klingt spannender als jeder Tatort (was nicht so schwierig ist, wenn man keinen Tatort guckt), auf jeden Fall nervenaufreibend und klassisch inszeniert. Das mag ich ja … Und das Thema klingt wie eine entfernte Variation von Musils Törleß, noch ein Grund. *notier*

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