Review: Hamlet im Almeida Theatre

Hamlet ist einfach ein Biest von einem Stück. Es ist so vielschichtig, dass ich es schwierig finde jedem Erzählstrang gerecht zu werden. Ich habe noch keine Version gesehen (Film oder Theater), wo dies für mich gelungen ist. Nun hat sich also Andrew Scott an die bei Schauspielern so beliebte Rolle des Dänenprinzen gewagt. ich habe die Barbican-Aufführung mit Cumberbatch noch gut im Kopf und muss sagen: Gemessen an Cumberbatchs Hamlet fällt die Darstellung von Scott etwas ab. Zwar ist Cumberbatch gerne mal gefährlich nah dran am overacting, aber bei Scott fällt es ins andere Extrem. Da hat mir dann manchmal etwas gefehlt.

Der Einstieg hier in diese Produktion von Robert Icke ist allerdings toll. Die Wachen auf Elsinor sehen den Geist von Hamlets Vater. Über die Monitore verschiedener Überwachungskameras. Simpler aber effektiver Kniff. Überhaupt: Dass das Stück in die heutige Zeit gehievt wurde( zumindest optisch) hat mir gefallen. Die Geschehnisse (Tod des Vaters, Neuvermählung der Mutter) werden als Einspieler einer Nachrichtensendung des dänischen Fernsehens gezeigt. Der Schluss mit dem norwegischen König Fortinbras, der Hamlets Beerdigung mit militärischen Würden anordnet, ebenfalls.Ein Stilmittel, das Baz Luhrmann schon 1996 für „Romeo & Juliet“ nutzte. Es funktioniert einfach gut.

(c) Manuel Harlan

Scotts Hamlet ist „moody“ und introvertiert. Zwar bricht an manchen Stellen auch Wut aus ihm heraus, im Großen und Ganzen ist seine Performance aber zurückgenommen. Das nimmt der Geschichte etwas den Schwung. Wenn Hamlet bspw. seinen eigenen Wahnsinn vortäuscht, ist das bei Scott kaum nachvollziehbar, denn sein Hamlet verhält sich eigentlich wie immer. Sehr schade. Dafür sind die Momente stiller Verzweiflung hervorragend. Seinen Monologen habe ich weitaus gebannter gelauscht als bei Cumberbatch. Da nimmt einen Andrew Scott schnell für sich ein. Der Rest des Cast hinterlässt mich etwas ratlos. Erneut haben wir es hier mit einer blassen Ophelia zu tun. Erneut ist da keine nennenswerte  Chemie zwischen Hamlet und ihr. Jessica Brown-Findlay hat mich nicht überzeugt. Luke Thompson als Laertes noch weniger. Wie großartig war dagegen Kobna Holdbrook-Smith 2015! Angus Wright als Claudius hinterließ auch keinen bleibenden Eindruck auf mich. Seine Zeilen wirkten so „aufgesagt“. Juliet Stevensons Gertrude war besser, aber auch kein Vergleich zur absolut fantastischen Anastasia Hille in der Barbican-Production. Für Andrew Scott war es daher schon, abgesehen von seinem unbestrittenen Talent, ein leichtes, sich von seinen Kollegen abzuheben. Neben ihm hat mir David Rintoul als Geist, bzw. player king gut gefallen. Und was er für einen Auftritt hatte, als Hamlet auf den Geist seines Vaters trifft! Phoaw, das hat gesessen! Eindrucksvoll.

(c) Manuel Harlan

Mir haben das Bühnenbild, bzw. die inszenatorischen Ideen gut gefallen. Zum Einen wurde hier mehr darauf angespielt, dass u.a. Lust ein Motivator für Claudius war, so dürfen er und Gertrude sich öfter mal an die Wäsche gehen. Auch Hamlet trifft auf eine badende Ophelia und geküsst wird sich auch, wenn ich mich recht erinnere? Ich finde das wichtig, sonst wirken die Charaktere so blutleer, wie bloße Schablonen in diesem Ränkespiel. Es war allerdings für mich nicht genug, damit mir die Personen näher gekommen sind.

Ein besonders netter Einfall war das Fechtduell, das wie in echten Wettbewerben auf der Matte und mit Schiedsrichtern ausgefochten wurde. Das große Sterben zum Ende ist dann auch wieder bestimmt durch understatement (außer bei Juliet Stevenson, die als vergiftete Königin ruckelt und zuckelt).

Fazit: Mein Gesamteindruck ist durchwachsen. Zwei herausragende Rollen in einem sonst eher mäßigem Cast in einer visuell ansprechenden Produktion. Ich würde in der 5er Sternchen-Bewertung 3,5 geben.

Stage Door

Eine Stage Door hat das Almeida nicht. Während vor dem Eingang auf Andrew Scott gewartet wird, huscht der Rest des Cast an den Leuten vorbei. Scott sah sooo müde aus, ich habe Mitleid bekommen. Aber er hat zur Freude der Wartenden Autogramme gegeben und für Fotos posiert.

 

PS Die Darstellung von Rosencrantz (Calum Finlay) und Güldenstern (wird hier von einer Frau gespielt: Amaka Okafor) blieb für mich auch ziemlich blass. Was für ein Glück, dass ich einen Tag später EXZELLENTE Rosencrantz und Güldenstern im Old Vic gesehen habe. Perfekte Ergänzung zu diesem Abend!

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