Duisburger Akzente: Gift. Eine Ehegeschichte

Szenen einer vergangenen Ehe: Ein ehemaliges Paar trifft sich im Warteraum der Friedhofsverwaltung. Vor zehn Jahren verstarb der gemeinsame Sohn Jakob bei einem Autounfall. Die Beziehung konnte dem Verlust nicht standhalten, der Mann verließ die Frau. Nun soll das Grab verlegt werden, weil durch eine nahegelegene Fabrik Gift ausgetreten sei und das Grundwasser verunreinige.

(c) Arno Declair

Das Zusammentreffen ist erst zaghaft-distanziert, dann werden alte Wunden aufgerissen. „Was siehst du, wenn du mich anschaust?“ fragt der Mann. „Ich sehe eine traurige Geschichte“, sagt sie. Dabei wollte er darauf hinaus, dass er ein glücklicher Mann sei. Das ist für sie, die in ihrer Trauer feststeckt, nicht ersichtlich. „Vermisst du ihn?“, fragt sie. „Ich habe mich damit abgefunden“, windet er sich. „Damit, dass er nicht mehr da ist?“ fragt sie anklagend nach. „Ich habe mich damit abgefunden, dass ich ihn immer vermisse“, bricht es aus ihm heraus. Diese Monologe haben mich sehr berührt. Ulrich Matthes und Dagmar Manzel als namenloses Ex-Paar waren grandios!

Sie tragen das Stück allein, da ist kaum etwas, das von ihnen ablenkt. Das Bühnenbild ist karg: Ein Kaffeeautomat, ein Wasserspender, sechs Stühle. Wie sich beide aneinander annähern, wie sie das Publikum spüren lassen, dass sie sehr vertraut waren, da auch immer noch eine Bindung ist, aber eben auch Schmerz und Distanz – das ist wirklich eine fantastische Leistung.

(c) Arno Declair

Dagmar Manzel hat mich dabei noch einen Ticken mehr begeistert. In ihrem Kampf mit der Trauer (Er: „Bist du bitter!“), die ihr Leben zum Stillstand gebracht hat. Sie ist müde. „Ich will das nicht mehr mehr. Er ist immer da. Wenn ich Spaghetti koche ist er da. Wenn ich den Käse drüber reibe. Immer ist er da.“ Wie der Verlust des Kindes in Worte gepackt wurde, hat mich wirklich bedrückt und hat mir die Tränen in die Augen getrieben. Wenn beide berichten, wie sie am Sterbebett des Kindes saßen und es hieß, das die lebenserhaltenden Maschinen in 10 Minuten abgeschaltet werden, beschreibt sie das als „wunderbaren Moment der Stille nur zwischen Jakob und mir“. Und auch er hat sich eingestehen müssen, dass er für sein Kind dessen Tod als Erlösung fand.

Dieses einschneidende Schicksal, die Erfahrung mit dem Tod, dieser Schatten liegt nun für immer auf der Beziehung zwischen den Beiden. Vorwürfe („Du hast mich verlassen!“| „Meinst du, ich trauere nicht?“) stehen nach wie vor im Raum und es werden leise Töne zu sehr lauten bis eine große Last schließlich abgetragen scheint. Sie hat den Umstand mit der Grabverlegung erfunden, damit sie sich treffen. Sie ist bereit, einen neuen Schritt aus der Trauer herauszumachen. Er auch.

Ein toller (mit 75 Minuten recht kurzer) Theaterabend im Zuge der Duisburger Akzente. Ich kann das Stück von Lot Vekemans mit der Regie von Christian Schwochow für das Deutsche Theater Berlin nur empfehlen!

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