Review: The Goat or Who’s Sylvia im Theatre Royal Haymarket

Dieser Text ist nicht spoilerfrei.

Es passiert nicht oft, dass man mechanisch zum Ende der Performance klatscht und dabei eigentlich nur denkt: WHAT THE FUCK WAS THAT?

So erging es mir in Edward Albees Stück. Das hat mich mal komplett vor den Kopf gehauen. Martin Gray (Damien Lewis) ist ein erfolgreicher Architekt, verheiratet mit Stevie (Sophie Okonedo), hat den Teenanger-Sohn Billy (Archie Madekwe). Das Setting ist das stattliche Haus der Grays. Martin (er wirkt zu Beginn wie ein zerstreuter Professor) hat gerade einen großen Auftrag an Land gezogen und soll seinem Freund Ross (Jason Hughes) ein Interview geben. Dabei kitzelt dieser heraus, dass Martin eine Affäre hat. Allerdings nicht mit einer Frau, sondern mit einer Ziege. Örgs. Diese Information dringt dann auch zu Martins Familie vor und sorgt dafür, dass die heile Welt zerbricht. Untermalt wird dieser Bruch dadurch, dass die Wände des Bühnenbildes auseinanderfahren, das heile Haus also zerstört wird.

(c) Johan Persson

Wie Damien Lewis als Martin seine Gefühle für die Ziege Sylvia beschrieben hat („She looked at me with those eyes!“) und er vom Kuss mit dem Tier berichtet – da wurde mir wahrlich schlecht. Ein großes Problem für mich war, dass er daran nichts Falsches sieht, sondern statt dessen von gegenseitiger Zuneigung spricht. Dass er mal ein Treffen von „Animal Lovers“ besucht habe, die wie die Anonymen Alkoholiker von ihrem Laster berichten und er sich dort unwohl fühlte, weil er unter seiner Neigung nicht leide – da schüttelt es mich.

Sophie Okondeo als betrogene Ehefrau darf ordentlich Feuer geben. Wie ein Derwisch fegt sie über die Bühne, klagt ihren Mann an, zerstört seine Preise und Errungenschaften bis hin zur Tötung von Sylvia selbst. Schon zu Beginn sagt sie zu ihrem Mann „you smell funny“ und ich verkrampfe mich leicht in meinem Sitz. Oh-oh.

Archie Madekwe gab ein gelungenes Theaterdebut als von Wut getriebenem Sohn. Wie er seinen Vater lang auf den Mund küsst und auch noch im Eifer einer hitzigen Diskussion über ihn sagt „yes, I would fuck him“ gab mir erneut einen Schlag in die Magengrube. Ebenso wie Martins Beschreibung eines jungen Vaters (er selbst), der seinen kleinen Sohn auf seinem Schoß schaukelt und dabei eine Erektion bekommt. Himmel, was ist da nur los?? So fragt Freund Ross dann auch „Jesus, is there anything you don’t get off on??“

Nachdem Stevie Sylvia getötet hat, was Martin in Tränen ausbrechen lässt, fahren die Wände des Settings wieder zusammen und Billy fragt zögerlich: Mom? Dad? Und so endet das Stück, von dem ich mich frage: Was will es mir sagen? Was soll ich da jetzt mitnehmen? Geht es um Tabubrüche? Um Beziehung Mensch-Tier? Darum, ob die Verbindung Mensch-Tier so falsch scheint, weil wir Tiere eher als Objekte, denn als Subjekt wahrnehmen? Ich weiß es nicht. Eines jedenfalls kann ich attestieren: Das diese Aufführung noch ein ganzes Weilchen im Kopf herum schwirrte.

Es war sehr gut gespielt, keine Frage. Aber es hat mich derart vor den Kopf gestoßen, dass ich mich immer noch nicht abschließend zu einer Wertung bringen kann.

Einen kleinen Lachmoment gab es zu Beginn. Marin fragt seine Frau „Do I look good?“ und ein offensichtlicher (weiblicher) Damien Lewis-Fan sagte laut vernehmbar: „YES!“

Da es eine Matinee war, die wir besucht haben, ließen sich die Hauptdarsteller nicht an der Stage Door blicken. Wohl aber Jason Hughes. Später allerdings lief Madekwe mit großen Kopfhörern auf den Ohren an uns vorbei und die Singende Lehrerin ergriff die Gelegenheit beim Schopf und hat sich ein Autogramm geholt und ihm ein paar nette Worte zu seinem gelungenem Debut gesagt. Ich sehe dann noch, dass in diesem Theater zwei Stücke von Oscar Wilde ihre Uraufführungen hatten und bin entzückt.

Das sagen übrigens die Kritiker zu „The Goat“:

Time Out gibt 3 von 5 Sternen

The Guardian gibt 5 von 5 Sternen

The Times gibt 3 von 5 Sternen

The Evening Standard gibt 3 von 5 Sternen

The Telegraph gibt 3 von 5 Sternen

Independent gibt 5 von 5 Sternen

(Ich würde mich wohl eher in die 3-Sterne-Bewertung einreihen)

Ein Gedanke zu “Review: The Goat or Who’s Sylvia im Theatre Royal Haymarket

  1. Da ich selber manchmal am Theater arbeite, allerdings in der Oper, wundert mich nichts mehr. Die Vorlage des Stückes ist die eine Seite, das, was der Regisseur zeigen und sagen will, ist die andere
    Seite.
    The Goat hätte ich gerne gesehen und hinterher diskutiert.
    LG sk

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