Hagen Rether: „Liebe“ im Ebertbad Oberhausen

(c) Klaus_Reinelt

Hagen Rether schaue ich schon lange gern an, da war sein zum Pferdeschwanz gebundenes Haar noch tiefschwarz. Jetzt hat es graue Strähnen und noch immer fragt er dieselben Fragen: „Warum machen wir das?“ „Wie sind wir so geworden?“ „Was soll aus so einer Gesellschaft wie der unseren werden?“

Das Ebertbad ist weihnachtlich dekoriert und mir ist ganz wohlig in diesem schönen Ambiente. Auf der Bühne steht ein Klavier und ein Drehstuhl. Auf dem Klavier liegen sechs Bananen. Um 20:00 tritt Rether auf die Bühne mit den Worten „Wollen wir anfangen?“ und setzt sich auf den Stuhl. Er schließt die Augen. „Da kaufen Sie sich im Sommer Tickets und dann stellen sie die Woche fest – Scheiße, der Rether, das ist ja jetzt Dienstag. Dienstag. Unter der Woche. Scheiße. Ging mir genauso.“ Hahahaha.

Es folgt ein unglaublicher Redeschwall und ich bin fasziniert wie ruhig und gelassen Rether vorträgt. Ja, er hat dieses Programm seit Jahren, er aktualisiert es hier und dort, aber dennoch. Stundenlanges Reden – das musste auch erstmal können. Und er hat eine sehr sonore Stimme dabei. Ich höre ihm schon deswegen gerne zu. Aber noch lieber, weil ich mag, was er sagt. Wir sind da sehr kompatibel. Geht es im ersten langen Block vor allem um das Thema Politik (kleine Erholungspausen bietet er wiederholt mit der Frage „Haben Sie Winterreifen? Ist Dezember. Ist wichtig.“), geht es nach der Pause um Themen wie etwa Veganismus. Auch hier finde ich vieles so richtig und ärgere mich, dass ich seine Argumentationsketten nicht behalten kann. Was mir aber im Kopf blieb ist der „immer gleiche Dreisprung: Hass denken, Hass verbalisieren, im Hass handeln“ – diese Handlungskette sei immer dieselbe, nur die Hemmschwelle sie umsetzen niedriger geworden. Ich mag, dass Rether betont, dass jeder bei sich anfangen solle, anstatt Sündenböcke zu suchen und nur stumpf zu motzen. Fang doch erstmal bei dir selber an, mach es besser, dann ist schon viel erreicht. Ebenfalls meine volle Zustimmung gibt es, wenn Rether sich empört, dass bspw. Hartz IV-Empfänger „sozial schwach“ genannt werden. „Die sind nicht sozial schwach, die sind ökonomisch schwach. Wer sie als sozial schwach bezeichnet, der ist es!“ Wasser auf meine Mühlen.

Anscheinend ist Rether an diesem Abend verschnupft, denn er ließ vernehmen: „Ich hab mich grad mit Grippostad vollgestopft.“ Immer, wenn er von einem Thema aufs andere kam, es hängt ja irgendwie auch immer alles so zusammen, voll anstrengend, sagte er: „Da kommen wir später noch drauf.“ Dann war es bereits 23 Uhr und kurzerhand, nach Blick auf die Uhr, fragte er „Wollen wir Schluss machen?“ Das kam abrupt, aber lustig. Und es war auch willkommen. Ich konnte nicht mehr sitzen und zuhören, so gut ich das auch alles fand. „Ja, machen wir Schluss. Vielen Dank.“

Ich habe zu danken.

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