Gesehen: Der Junge muss an die frische Luft

Hape Kerkeling – der hat mich schon oft laut zum Lachen gebracht. Ich habe „Total Normal“ geliebt. Mit seinen „Überfall-Reportagen“ („Was macht die Deutsche Mark“-Fragerei auf der Bundespresskonferenz, das Paulinsche, natürlich „Hurz“ und sein Auftritt als Königin Beatrix….und so viel mehr) hat er mir sauviel Spaß bereitet. Aber privat wusste ich nichts von ihm. Ja, dass er den Jakobsweg gewandert ist und dadurch viele Leute inspiriert hat, habe ich natürlich mitbekommen, aber sonst -nüscht. Und das ist gut so. Brauche ich alles nicht zu wissen, was in seinem Leben so abgeht. Es sei denn, er erzählt es selbst wie in „Der Junge muss an die frische Luft“. Da erfahren wir, dass er einen älteren Bruder hat, der Vater viel auf Montage ist und die Mutter überfordert ist und an einer wachsenden Depression leidet.

(c) UFA

Die Geschichte von Kerkelings Kindheit im Ruhrgebiet der 70er Jahre ist sehr rührend. Erstmal mag ich als Ruhrgebietskind die Schlote im Hintergrund vieler Szenen und finde es schön zu sehen, wie die Kinder im Pott sich zum Spielen auf der Straße trafen. In wunderbar ungegenderten Klamotten und ohne, dass Mama und Papa die von einem Termin zum anderen kutschieren. Diese Freiheit ist vielen Kindern heute abhanden gekommen scheint’s. Schade. Und der Darsteller des Jungen Hans-Peter, Julius Weckauf, spielt, Achtung, das Wortspiel drängt sich einfach auf, so aufgeweckt, das es eine wahre Freude ist. Aufgewachsen in Recklinghausen wird hier auch schön breit ruhrdeutsch gesprochen. Ich maget! Kerkelings Vater war als Schreiner oft auf Montage und somit viel von der Familie getrennt. Die Mutter fühlte sich überfordert und hatte zudem den Verlust der Geruchs- und Geschmacksempfindung zu beklagen. Gut, dass es da die Großeltern gab. Und was sind das für Prachtexemplare! Solche Großeltern wünsche ich uns allen. Wirklich, die haben mich allesamt im Sturm erobert. Oma Änne (Hedi Kriegeskotte), die Hans-Peter mal eben ein Pferd kauft und mit der Kutsche durch den Ort fährt und ihm beibringt, dass er seinen eigenen Weg gehen soll und sich nicht von daran stören soll, was andere denken könnten. Opa Willi (Joachim Król, ist für Omma 300km zu Fuß gelaufen,direkt bis in ihren Laden), der den titelgebenden Satz spricht: „Der Junge muss mal an die frische Luft“ (weg aus der elterlichen Wohnung mit der depressiven Mutter) und mit ihm dann ein paar Tage in die Berge fährt. Wie er den Jungen da zum Trösten in den Arm nimmt, da könnte ich vor Rührung direkt wieder losflennen. Auch Oma Bertha (Ursula Werner) mit der kaputten Hüfte, die so tolle Rouladen und Marillenknödel macht und ihr sehschwacher Gatte Herrmann (Rudolf Kowalski) sind allerliebst. Tante Gertrud, Tante Lisbeth, Bruder Matthes -ach die liebe bucklige Verwandschaft in ihrer Schrulligkeit war wirklich so liebenswert, man fühlte sich fast wie im Märchen. Aus dem man wieder herausgerissen wurde, wenn man verfolgte, wie die Mutter zunehmend der Depression anheim fiel und es ihr zusetzt, dass sie nicht mehr über die Scherze ihres Sohnes lachen kann. Ich fand das von Luise Heyer wirklich toll gespielt. Es sind natürlich schlimme Szenen, wenn der kleine Hape neben der Mutter im Bett liegt, die gerade durch einen Medikamentencocktail verstirbt. Das geschockte Kind am nächsten morgen zum Vater: „Ich glaub der Mama geht’s nich‘ gut.“ Das geht einem sehr an die Nieren. Dass sie sich nicht verabschiedet habe, es keinen Kuss, keine Umarmung gab, bevor sie sich umbrachte, sei für ihn mit das Schlimmste gewesen. Kann ich mir vorstellen.

Der Junge muss an die frische Luft ist eine echte Familienhommage. Mag auch einiges verklärt und beschönigend  sein, so ist es dennoch eine Wohltat zu sehen, wie Familienbande Schicksale abfedern. Es gibt viele Szenen, wo mich diese Familie einfach restlos für sich gewonnen hat. Als beispielsweise der kleine Hape als Mädchen verkleidet auf der Faschingsparty sich gegen Spötteleien wehrt und schimpft „Ich bin kein Mädchen, ich tue nur so, damit ihr’s wisst!“ tut es ihm seine Mutter gleich und reißt sich Teile des Kostüms vom Leib: „So, ich bin gar kein Fliegenpilz, ich tue nur so, damit ihr’s wisst!“ Da geht mir das Herz auf. So eine kleine Geste, so eine große Wirkung. Und wie der Junge seine Umwelt wahrnimmt und rasant schnell nachahmen kann, hat mich laut lachen lassen. Erste Anflüge von Horst Schlämmer schon als kleiner Hausmeister bei der Schulaufführung – herrlich. Auch die Frau Kolassa (Diana Amft), „die in einem Jahr schon drei Männer hatte“, wird gnadenlos, aber nicht böse parodiert, bzw. imitiert. Zum Schreien! „Ich nehm‘ noch so’n Eierlikörchen…“

Dieser ganze Mikrokosmos, der hier gezeigt wird, hat etwas sehr erdendes. Es sind viele kleine Dinge, die ein schönes großes Ganzes ausmachen. So resümiert der Erwachsene Hape auch, dass alle ihm umgebenden Menschen und Dinge ihn zu dem machten, der er ist.

Dieser Film war komisch, war traurig und einfach sehr menschlich. Einfach schön!

Und der Satz „Handwerker musse rauswohnen“ wird auf jeden Fall von mir geklaut. Der ist so klasse! 🙂

 

5 Gedanken zu “Gesehen: Der Junge muss an die frische Luft

  1. Jo, war ein klasse Film, hab ich auch gesehen. Die Mischung aus Autenzität der Szenerie aber auch die Erfüllung, ja anders kann man es nicht sagen, war erstklassig. Natürlich wird der Film vielen Menschen nichts sagen. Wer jener Zeit weit entwachsen ist, ein Kind dieser Zeit ist, der wird sich wohl nur denken: „was waren das alles für schräge Vögel ?“

  2. Ich habe mir den Film auch am Wochenende angeschaut. Und ich war überrascht, wie gut er ist! Die Geschichte mit seiner Mutter, eigentlich eine liebe und lustige Frau, hat mich sehr mitgenommen. Und ihr Einwurf, von wegen, dass sie ja auch kein Fliegenpilz sei, war urkomisch, beeindruckend und klug. Wir wollen gerne glauben, dass diese Szene wirklich stattgefunden hat.
    Ich komme nicht aus dem Pott, hatte keine Fabrikschlöte am Horizont. Aber ich bin auch draußen auf dem Mäuerchen gesessen und habe gewartet, dass was passiert.
    LG
    Sabienes

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